Tagung zur Geschichte des Ordoliberalismus

Der (wirtschafts-)politische Einfluss des Ordoliberalismus.

Denkformen und Netzwerke

Tagung an der Akademie für Politische Bildung Tutzing, Montag 9. 10. (14h) bis Dienstag 10.10. 2017 (16h) (–> Link zur Anmeldung)  –> Programm mit organisatorischen Details (pdf) (Passwortgeschützte Seite für TeilnehmerInnen)

Wissenschaftliche Leitung: Prof. Dr. Walter Ötsch, Cusanus Hochschule

Programm

Montag 9. Oktober 2017

  • 13:00 h Anreise und Kaffe im Foyer
  • 14:00 h Michael Spieker und Walter O. Ötsch:   Einführung: Wie kann man Geschichte denken?
  • 14:30h: Harald Hagemann (Universität Hohenheim): Ordoliberalismus, Soziale Marktwirtschaft und Keynesianismus in Westdeutschland 1945-1974 (Koreferat: Uwe Fuhrmann)
  • 15:30 h Kaffeepause im Foyer
  • 16:00 h: Friedrun Quaas (Universität Leipzig) : Der spezifische Liberalismus von Hayek als Polarisationsprisma. Neues ordnungsökonomisches Denken versus New Austrians
  • 17:00 h Thomas Biebricher (Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt): Das politische Denken des Ordoliberalismus: Staat, Demokratie und Wissenschaft
  • 18:30 h Abendessen
  • 19:30h  Ralf Ptak (Universität  Köln): Das Staatsverständnis des Ordoliberalismus. Was vom deutschen Sonderweg im Neoliberalismus geblieben ist

Dienstag 10. Oktober 2017

  • 08:15 h Frühstück
  • 09:00 h Stephan Pühringer  (Cusanus Hochschule Bernkastel-Kues): Zur zentralen Rolle ordoliberaler Netzwerke in wirtschaftspolitischen Reformprozessen in Deutschland (Koreferat: Judith Hesselmann, angefragt)
  • 10:00 h Pause
  • 10:30 h Walter Ötsch (Cusanus Hochschule Bernkastel-Kues):  “Der Markt” als Kollektivgedanke eines machtvollen Denkkollektivs
  • 12:30h Mittagsessen 
  • 13:45 h Philipp Wolter (HansBöckler Stiftung Düsseldorf): Neoliberale Denkfiguren in der Presse. Wie ein Wirtschaftskonzept die Meinungshoheit eroberte
  • 14:45 h Josef Hien  (Universität Mailand): Der Einfluss der Ordoliberalismus auf die deutsche Position in der Eurokrise
  • 15:45 h Schlussdiskussion
  • 16:00 h Ende der Tagung

Thematik der Tagung

Die Tagung widmet sich der Theorie- und der Wirkungsgeschichte des deutschen Ordoliberalismus. Die Geschichte und die Bedeutung des Ordoliberalismus für die Politik, insbesondere die Wirtschaftspolitik (West-)Deutschlands wurden und werden gerade im Zuge der deutschen und europäischen Krisenpolitik bekanntlich sehr unterschiedlich interpretiert. Bei der Tagung betrachten wir den Ordoliberalismus als Denkkollektiv im Sinn von Ludwig Fleck (1935/1980).

Ein Denkkollektiv hat zwei Seiten: eine kognitive und eine soziale. Dementsprechend fragen wir:

  • Welche Denkformen zeichnen den Ordoliberalismus aus?
  • In welchen Netzwerken und mittels welcher Netzwerke übten ordoliberale Ökonominnen und Ökonomen politischen und wirtschaftspolitischen Einfluss in (West-)Deutschland aus?
  • Kann man für (West-) Deutschland für welche geschichtlichen Phasen von einer ordoliberalen (Wirtschafts-)Politik sprechen?

Dabei geht es um folgende Fragen

Denkformen des Ordoliberalismus?

  • Was zeichnet den Ordoliberalismus als ökonomische Theorie aus, was als politisch einflussreiche Strömung?
  • Besteht der Ordoliberalismus aus mehreren Schulen oder handelt es sich um eine einzelne? Was sind deren zentralen Gemeinsamkeiten?
  • In welcher Stellung steht der Ordoliberalismus zur Österreichischen Schule und zu Ansätzen, die nach 1945 in der Chicagoer-Schule entwickelt worden sind, vor allem dem Monetarismus oder mikroökonomischen (bzw. neoklassischen) Ansätzen?
  • Was ist das Liberale am Ordoliberalismus? Welche Zusammenhänge gibt es zum „Chicagoer-Liberalismus“ oder zu anderen liberalen und „neoliberalen“ Strömungen?

Netzwerke des Ordoliberalismus?

  • In welcher Weise war der Ordoliberalismus politisch und wirtschaftspolitisch erfolgreich?
  • War er nur in einer begrenzten Zeitdauer einflussreich? In welcher Form gibt oder gab es eine „Wiederkehr“ des Ordoliberalismus?
  • Wie müsste man den Ordoliberalismus wissenschaftssoziologisch beschreiben?
  • Mit welchen gesellschaftlichen und politischen Kräften war oder ist der Ordoliberalismus in (West-)Deutschland verbunden? Können einzelne Wirkungskanäle im Detail beschrieben werden?
  • Welche Bedeutung für die Wirkungsgeschichte des Ordoliberalismus besitzen die Netzwerke um das Walter Lippmann Colloque und die Mont Pèllerin Society?
  • Welchen Beitrag leisteten Ordoliberale zur Verdrängung des Keynesianismus?
  • Welchen Einfluss besitzt der Ordoliberalismus heute? Inwiefern steht der „deutsche Sonderweg“ in der Wirtschaftspolitik damit in Beziehung?

Hintergrund: Studien zur Geschichte der deutschen Ökonomik

Der Hintergrund der Tagung stellt ein Projekt dar, das von der Hans-Böckler-Stiftung finanziert worden ist (Projektlaufzeit war 2012-2014). Dabei wurde das Feld der Ökonomik in (West-) Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg als soziales Feld analysiert. Das Projekt war in zwei Teile untergliedert:

  • Teil 1 wurde von Arne Heise (Universität Hamburg) mit MitarbeiterInnen erstellt, es ging um eine Geschichte der „heterodoxen“ Ökonomik. Dieser Teil wurde bereits im Vorjahr publiziert: Heise, Arne; Sander, Henrike und Thieme, Sebastian (2016): Das Ende der Heterodoxie?: Die Entwicklung der Wirtschaftswissenschaften in Deutschland, Springer VS.
  • Im zweiten Teil ging es um eine facettenreiche Wirkungsgeschichte der deutschen Ökonomik. Dazu wurde eine Datenbank zu allen in Deutschland bzw. Westdeutschland an Universitäten wirkenden ÖkonomInnen aufgebaut, in welcher Informationen zur akademischen Laufbahn mit Daten zu Aktivitäten in der wirtschaftspolitischen Beratung sowie politischen Ämtern verbunden wurden. (Das Sample umfasst 782 ÖkonomInnen, die in der Zeitspanne 1954 bis 1994 eine Professur an einer deutschen Universität hatten).

Der empirische Befund aus dem 2. Teil zeigte einen nachhaltigen Einfluss von ordoliberalen ProfessorInnen und von Institutionen, die von Ordoliberalen aufgebaut worden sind. Dieser Befund wurde nach folgender These interpretiert: Der Ordoliberalismus stellt einen Teil des „marktfundamentalen“ Denkkollektivs (in der Bedeutung von Ludwik Fleck, vgl. auch Mirowski 2013) dar. Es beinhaltet ­ gemeinsam mit anderen Teilgruppen des Kollektivs – den Kollektivgedanken „des Marktes“ (in der Einzahl und in spezifischen Bedeutungen). Dieses Denkkollektiv hat den Keynesianismus zu einer „heterodoxen Ökonomik“ werden lassen und ist in seinen Netzwerken bis heute immer noch – insbesondere politisch und gesellschaftlich – einflussreich. Sein Einfluss kann insbesondere in „Wendezeiten“ der Wirtschaftspolitik gezeigt werden, wie im Übergang von den Regierungen Schmidt zu Kohl, von Kohl zu Schröder oder den wirtschaftspolitischen Reaktionen in Deutschland nach der Großen Krise ab 2008.

Dieser Teil wird publiziert als: Ötsch, Walter; Pühringer, Stephan und Hirte, Katrin (2017): Netzwerke „des Marktes“. Ordoliberalismus als Politische Ökonomie und wird in Kürze bei Springer VS erscheinen.

Ergebnisse aus dieser Publikation sollen bei der Tagung vorgestellt und gemeinsam mit den anderen Vortragenden diskutiert werden.

Literatur

Fleck, Ludwik (1935/1980): Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Suhrkamp, Frankfurt am Main.

Mirowski, Philip (2013): Never Let a Serious Crisis Go to Waste: How Neoliberalism Survived the Financial Meltdown. Verso, London / New York.