Nichtwissen und bewusste Ignoranz im Neoliberalismus

Wissen und bewusste Ignoranz. Agnotologie im Neoliberalismus

Angeblich leben wir in einer Wissensgesellschaft, Wissen sei zur entscheidenden Ressource geworden. Viele Ökonomen erklären wirtschaftliches Wachstum durch den erfolgreichen Einsatz neuer Technologien, die ihrerseits durch Forschung und Entwicklung vorangetrieben werden. Insbesondere die OECD pflegt diese Sichtweise, sie will die Europäische Union zum dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt machen. Diese Organisation ist der Öffentlichkeit durch die PISA-Studien bekannt, die alle drei Jahre abgehalten werden. Hier soll die Qualität der Bildung in über 30 Ländern vergleichend bewertet werden. Aber – und das wird wenig reflektiert: in diesem Mess- und Bewertungskonzept ist eine glasklare neoliberale Ideologie enthalten.

Sie enthält drei bemerkenswerte Implikationen:

  1. eine Vorstellung über die zu bildenden Personen,
  2. das Bild einer Gesellschaft, die sich „dem Markt“ unterworfen hat. Dieser wird als „Wissensinstanz“ gedeutet,
  3. woraus ein Konzept des Nichtwissens und einer bewussten Ignoranz der einzelnen Marktteilnehmer folgt, – mit drastischen Konsequenzen. (Die Erforschung der gesellschaftlichen Produktion von Ignoranz und Nichtwissen ist Gegenstand der Agnotologie.)

1. Was zeichnet die Wissenden aus?

Bildung hat für die OECD keinen aus ihr selbst begründeten Stellenwert. Ein humanistisch gebildete Person oder das Humboldtsche Bildungsideal wird explizit nicht mehr angestrebt. „Das Erziehungswesen“ gehört (das besagt ein Schlüsseltext der OECD schon aus den sechziger Jahren) „in den Komplex der Wirtschaft … dass es genauso notwendig ist, Menschen für die Wirtschaft vorzubereiten wie Sachgüter und Maschinen.

Die Parallele zu Maschinen ist gewollt: in Bezug auf Bildung kann man Menschen wie Maschinen denken. So wie in Maschinen Kapital gebunden ist, so sei in Menschen Humankapital verkörpert. „Individuelle Fähigkeiten“ – nur darum geht es – würden „eine Art Kapital“ darstellen: „einen Produktionsfaktor, der wie ein Spinnrad oder eine Getreidemühle, einen Ertrag bringen“ kann. Bildung ist wie eine Investition. Lehrer gelten in dieser Analogie als „Produktionsfaktoren“, die Studierende wie ein „Rohmaterial“, das es zu „formen“ gilt. Jede einzelne habe demnach durch Bildungsaufwendungen ihren „Wissensstock“, das ist ihr persönliches „Humankapital“, zu erhöhen.

Wissenserwerb wird hier funktional auf die Erfordernisse der Wirtschaft bezogen. Das Ziel ist die Produktion von verwertbarem Wissen, das sich „in der Wirtschaft“ realisieren lässt. Der Wert des Wissens liegt in einem individuellen Ertrag, als Ausdruck eines „produktiven Beitrags“ zu messbaren wirtschaftlichen Leistungen.

2. Wirtschaft als „Markt“, „der Markt“ als „Überwissen“

Wird Bildung auf „die Wirtschaft“ bezogen, dann ist entscheidend, was mit Wirtschaft gemeint ist. Das OECD-Konzept des Humankapitals wurde in der Chicago-Schule entwickelt, das war die einflussreichste ökonomische Schule im letzten halben Jahrhundert. Hier wird die Wirtschaft mit „dem Markt“ (in der Einzahl) gleichgesetzt: eine gleichsam übergeordnete Instanz bzw. ein autonom ablaufender Prozess. Seine wichtigste Eigenschaft ist der Marktpreismechanismus, er bringt die Märkte automatisch zum Gleichgewicht. „Der Markt“ wird dabei mit unterschiedlichen Metaphern beschrieben. Die wichtigste Variante stammt von Karl Friedrich August von Hayek. (Hayek ist der wirkungsmächtigste neoliberale Ökonom. Milton Friedman, das Haupt der Chicago-Schule, wurde von ihm entscheidend beeinflusst.)

Hayek hat folgende Sichtweise entwickelt: „Der Markt“ (bei ihm vor allem „die spontane Ordnung“) wird als Sammelstelle für Wissen gedeutet. „Er“ ist ein „Mechanismus zur Nutzung verstreuter Informationen“, d.h. „er“ sammelt (wie eine Person) die vorhandenen personalen Wissensbestände und „übersetzt“ sie in Preise, die für „alle“ gelten. Preise sind „Informationsträger“, sie „transportieren“ „Wissen“. Menschliches Wissen im Sinn von Deutung und Verstehen (= Semantik, eine qualitativer Begriff) wird hier konsequent mit Information (= Syntax, eine quantitativ-logischer Begriff) verwechselt. Und – jetzt kommt der springende Punkt: Für Hayek ist „der Markt“ als Informations-Prozessor jeder menschlichen Organisation haushoch überlegen. Denn in „ihm“ in seiner Gesamtheit sei eine ungeheure Wissens-Informations-Menge „enthalten“. Diese ist so komplex und so umfangreich, dass Hayek von „der Übervernunft des Marktes“ spricht.

Eine solche Sichtweise hat dramatische Konsequenzen: nach Hayek und anderen Neoliberalen dürfen Sozial- oder Umweltbewegte über „die Ordnung“ (sprich über den Kapitalismus) gar nicht urteilen bzw. reflektieren, denn dann würde sich diese Personen mit ihrer beschränkten Wissens-Informations-Kapazität „über den Markt“ in seiner Komplexität stellen. In Hayeks Worten: Sie würden eine „verhängnisvolle Anmaßung “ begehen, so heißt sein letztes Buch. Denn angesichts „des Wissen des Marktes“ hätten alle zu verstummen, eine Systemreflexion kann von keiner Person mehr unternommen werden. (Genau das war Hayeks Ziel: er wollte eine ultimative Philosophie des Kapitalismus liefern, die nicht mehr widerlegt werden kann). In diesem Denken können soziale Gesamtziele, wie Solidarität, Gerechtigkeit oder Nachhaltigkeit, nicht formuliert werden: niemand besitze „das Wissen“ dazu. Politik schrumpft zur (postdemokratischen) technokratischen Verwaltung: „die Wirtschaft“ kann durch die Politik nicht mehr gesteuert werden.

3. Das Wissen „des Marktes“ und die Ignoranz der Einzelnen

Angesichts „des Marktes“ kann demnach eine einzelne Person nur wenig „wissen“. Jeder und jede könne diesbezüglich nur ignorant sein, ein Wissen über „den Markt“ kann nicht formuliert werden. Nach Hayek ist diese Ignoranz kein Nachteil, sondern eine notwendige Tatsache. Denn ein Wissen „über das System“ könne nicht bewusster Art sein, die Beachtung seiner Regeln (die das System konstituieren) erfolge unbewusst und habituell. Bewusst könne niemand „die Ordnung“„verstehen“.

Die Widersprüche in diesem Wissenskonzept (die den gesamten Neoliberalismus betreffen) sind atemberaubend: So wird „der Markt“ zum einen als wohlstandssteigernd angepriesen und zum anderen gesagt, niemand könne über das System Auskunft geben. Die Frage, woher die Neoliberalen selbst ihr Wissen über den Kapitalismus beziehen, darf dabei nicht gestellt werden bzw. impliziert ein zynisches Doppeldenken: eine Elite „der Eingeweihten“ besitze ein Metawissen, zu dem die „Masse“ nicht in der Lage sei (genau so hat das Hayek formuliert). Aber zur „Masse“ gehören auch einzelne Wissenschaftler. Ihr „Wissen“ (z.B. als Ökonom) kann nur eine Detailerkundung „des Systems“ betfreffen, aber keine Reflexion desselben. Im Prinzip könnte man also auf genuine Sozialwissenschaften verzichten, was sollen sie denn mit ihrem Wissen zur „Übervernunft des Marktes“ beitragen können?

Mit anderen Worten: im neoliberalen Wissenskonzept sind grundlegend agnatologische Momente eingebaut. Das personelle Nichtwissen über das System ist ein notwendiger Bestandteil des neoliberalen Systemkonzeptes. Indem sich dieses Konzept durchgesetzt hat, wurde auch das Vertrauen in die analytische Durchdringung der Wirtschaft in der Öffentlichkeit zerstört. Grundsätzliche Fragen, z.B. wie man den Kapitalismus (Stichworte Schattenbanken und Offshore-Ökonomie) krisenfester machen könne, werden politisch kaum noch diskutiert. Eine diesbezügliche Ignoranz ist zur politischen Tugend geworden.

Die dramatischste Art der neoliberalen Ignoranz bezieht sich auf Fragen der Biosphäre. In den neuesten (rechtspopulistischen) Varianten des Neoliberalismus werden nicht nur die Sozialwissenschaften, sondern auch die Naturwissenschaften in Frage gestellt. Umweltexperten besitzen keinen anerkannten Status mehr. Die These über den von Menschen induzierten Klimawandel wird als bewusste Lüge abgetan und durch eine Verschwörung der beteiligten Experten „erklärt“. Damit können auch Universitäten kein Hort eines gesellschaftlich gesicherten Wissens sein. Ein solcher Raum bedarf keines staatlichen Schutzes, Universitäten können und sollen privat betrieben werden. Der Neoliberalismus betreibt das Programm seiner eigenen Selbstaufhebung, die Wissensbasis der neoliberalen Wissensgesellschaft zerbröckelt. Donald Trump treibt das Wissenskonzept von Hayek auf die Spitze: die Welt darf ignorant in eine Umweltkrise taumeln.

Ursprünglich erschienen im gfk-Magazin, September 2017 (zum Thema Nichtwissen. Eine Frage der Kultur)