Muster von Kampf-Rhetorik: was kann man dagegen machen?

Frage aus einem Email:

Sehr geehrter Herr Ötsch, ich hab soeben Ihre Analyse gelesen im Falter und die war für mich sehr aufschlussreich. Was mich aber noch mehr interessieren würde – wie geht man damit um, wie kann diese Untergriffe parieren?

Meine Antwort:

Grundsätzlich kann man für  jede Art von Kommunikationen einen guten und zielgerechten Umgang finden. Freilich ist das nicht immer leicht.

Für das, was ich demagogische Kommunikation nenne (ich habe das im Detail in meinem Buch „Haider Light“ beschrieben), kann man allgemeine Aussagen treffen. Eine spezielle Antwort hängt ab: in welchem Kontext befinden wir uns? Was ist das Ziel? Möchte ich mich überhaupt dem stellen? Wie möchte ich aussteigen, usw.

Angenommen, man will/muss sich demagogischen Kommunikationsmuster stellen, dann gilt:

Zu allererst einmal: Bei sich bleiben, ruhig bleiben, besonnen agieren. D.h. man braucht z.B. die Fähigkeit (oder hat das gelernt oder trainiert) sich z.B. bei erfundenen Vorwürfen nicht zu ärgern. Denn mit demagogischen Mustern will ja jemand erreichen, dass sich die andere Person ärgert, das ein „Wirbel“ entsteht (Norbert Hofer kann das meisterlich) und dass dann die andere Person überreagiert, dass man lange Zeit über keine Inhalte redet, usw.

In einem solchen „Wirbel“ ist eine demagogisch geschulte Person gut zu Hause, kann einen Angriff nach dem anderen starten, etc. (Hofer hat Stakkatos von vier, fünf Vorwürfen in wenigen Sekunden parat.) Man kann dann jemand anderen, der ansonsten recht besonnen agiert (wie van der Bellen), teilweise auf ein  Niveau herunterzerren, das man meisterlich – oft jahrelang – erlernt hat.

Wenn es Ihnen also gelingt, innerlich ruhig zu bleiben, kann man nur eines tun: das eben erfolgte Muster benennen. D.h. ich brauche eine Kenntnis dieser Muster, muss reagieren können und eine geeignete (sachliche) Sprache dazu parat haben.

D.h. einen (sachlichen) Metakommentar über die Art geben, wie eben kommuniziert wird. Z.B. „Sie weichen meiner Frage aus und wechseln sofort das Thema.“ Oder „Mir fällt auf, das immer, wenn ich etwas frage, was Ihnen offenbar unangenehm ist, Sie in die Opferrolle wechseln“, usw. Van der Bellen hat einiges von dem recht gut gemacht. (Gerade die Opferrolle ist eine Spezialität von Hofer bzw. noch besser: der blitzschnelle Wechsel von Angriff/Täter in die Opferrolle. Das hat er gut geübt.)

Freilich etabliert man mit Metakommentaren (die dann hin und her gehen, denn die demagoagisch geschulte Person weiss ja, was vor sich geht und kontert wieder so)  eine eigenartige Art von Kommunikation. Sie widerspricht dem, wie wir sonst z.B. in der Arbeit reden (müssen).  Hier geben wir Antwort, versuchen den anderen zu verstehen usw. (Philosophisch gilt, dass ohne Verständnis und ohne Verstehenwollen  menschliche Kommunikation gar nicht möglich ist – und „verstehen“ ist und kann immer nur partiell möglich sein).  (Hofer ist ungemein gut den Sinn des Gesagten in einer Replik in ein völliges Gegenteil zu verdrehen, das macht er gekonnt und absichtlich.) Aber: wenn ich ein Gegenüber habe, das darauf aus ist, einen Austausch über Sachinhalte zu zerstören, dann kann ich alleine einen konstruktiven Dialog (an dem z.B. ZuseherInnen interessiert sind) nicht führen.

Die Kunst ist eine schnelle ruhige Replik auf der Musterebene und dann zurück zu dem, was man sagen will. Einfach gesagt und oft schwer getan.

Nach dieser Grundidee könnte man dann zu einzelnen Muster Spezifisches sagen.

Was ich mir für Österreich wünsche, nicht nur für diese Wahl: eine höhere Bewusstheit der Muster im öffentlichen politischen Diskurs und den Versuch neue Standards zu etablieren, die einer Revitalisierung von Demokratie (genau das brauchen wir) dienlich ist. Hofer sagt, er trete für mehr Demokratie ein. Diese Intention ist gut und ehrenwert, man kann sie begrüßen.  Aber : Die Art, wie Norbert Hofer (bewusst und kunstvoll) mit seinen „Gegnern“ kommuniziert, widerspricht der vom ihm genannten Intention.

(Und: Das sind die Praktiken der FPÖ seit der Übernahme durch Jörg Haider, – ich beobachte das seit Anfang der neunziger Jahre, in „Haider Light“ habe ich Literatur aus den neunziger Jahren verarbeitet. Leider ist die Art der Kommunikation, die ich „demagogisch“ nenne, in Österreich weit verbreitet, – auch weil die FPÖ schon in der Regierung war. Sie  beschränkt sich keinesweg auf die FPÖ. (Ein heftiger Fall war auch Frank Stronach.) Und viel schlimmer: Jetzt wird das – als Spätfolge der Krise ab 2008 – in ganz Europadurch die Rechtspopulisten modern. Wir sollten uns der Schädlichkeit eines demagogischen Umgang bewusst werden und dem aktiv bei sich selbst und bei anderen entegenwirken.)

Papers von mir:

  • [Kurzerklärung von „Haider Light“] Demagogische Vorstellungs-Welten Das Beispiel der FPÖ. Erschienen in: G. Hauch, Th. Hellmuth and P. Pasteur (Hg.): Populismus. Ideologie und Praxis in Frankreich und Österreich; (Studien zur Gesellschafts- und Kulturgeschichte, Band 12), Innsbruck-Wien: Studienverlag, (2002), 93 – 104. (pdf)
  • [Aktualisierung] Populismus und Demagogie. Mit Beispielen von Jörg Haider, Heinz-Christian Strache und Frank Stronach sowie der Tea Party, 2013 (pdf)
  • [Politökonomik zu Stronach] (mit Stephan Pühringer):  Das Team Stronach: eine österreichische Tea Party?, 2013 (pdf)
  • [Meine grundlegende Bild-Idee] (mit Lucas Derks und Wolfgang Walker): Relationships are Constructed from Generalized Unconscious Social Images Kept in Steady Locations in Mental Space, 2014 (pdf)

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Ich füge hier die Liste der 100 Muster aus Haider Light bei. Diese Liste habe ich im Jahre 2000 für Jörg Haider erstellt, zu jedem Muster gab es einige damals aktuelle Beispiele. Vieles dieser Muster kann man bei Norbert Hofer (und bei anderen FPÖ-Funktionären) andauernd  beobachten. (Manche dieser 100 Muster haben aber  nur für Jörg Haider und die damalige FPÖ gepasst. Die FPÖ heute hat z.B. eine ganz andere innere Struktur, d.h. diese Arten von Muster sind heute nicht mehr zutreffend.)

2. WARNUNG: Jedes dieser Muster für sich macht noch keinen demagogischen Diskurs aus. Kommunikation ist sehr vielschichtig. Man kann eine Szene nach vielen Modellen beschreiben. Ein einziger Satz oder eine einzige Art von Aktion besagt noch gar nichts.  Jedes Einzelne in Kommunikation ist meist auch mehrdeutig . (Z.B. Kann das Verbale dem Nonverbalen widersprechen.) Wie immer gilt es, den Kontext zu beachten. Gleiches hat in einem anderen Kontext oft eine ganz andere Bedeutung.

Die Liste soll Ihnen  als Anregung dienen,  z.B. Diskurse im TV zu überprüfen, was davon beobachtet werden kann. Im Einzelfall werden Sie andere Schlüsse ziehen, die dann vielleicht sehr berechtigt sind. Einige Muster – für sich allein gestellt – beschreiben auch gute Kommunikation, auch in durchaus demokratischen Diskursen.

Liste der 100 Muster aus Haider Light

[Die Muster sind im Imperativ, weil ich im Buch die schräge Fiktion eingenommen habe, ich wäre der Coach von Haider. Hat aber niemand missverstanden.]
  1. Predigen Sie etwas Einfaches.
  2. Teilen Sie die (soziale) Welt in zwei Teile: in DIE WIR und in DIE ANDEREN
  3. Reduzieren Sie alles auf eine Kern-Botschaft.
  4. Definieren Sie DIE WIR als bedroht.
  5. Definieren Sie DIE ANDEREN als Bedrohung.
  6. Erfinden Sie neue Begriffe für DIE WIR und DIE ANDEREN.
  7. Belegen Sie DIE WIR und DIE ANDEREN mit eindeutigen Eigenschaften
  8. Bleiben Sie konsequent: Keine Ausnahme im Schwarz-Weiß-Spiel
  9. Vereinfachen, vereinfachen, vereinfachen.
  10. Ihre Ziel-Gruppe gehört immer zu DEN WIR.
  11. Ordnen Sie – je nach Situation – Personen und Gruppen flexibel zu DEN WIR und DEN ANDEREN zu.
  12. Geben Sie sich selbst die Rolle des SUPER-WIR
  13. Für SUPER-WIR nur die besten Eigenschaften
  14. Propagieren Sie ein Selbst-Bild in Kontrast zu DEN ANDEREN.
  15. Geben Sie SUPER-WIR eine Außen-Position.
  16. Geben Sie sich unfehlbar. Geben Sie niemals einen Fehler zu.
  17. Bei Angriffen: wechseln Sie blitzschnell in die Opfer-Rolle.
  18. Erfinden Sie Sünden-Böcke.
  19. Erklären Sie Ihr Welt-Bild durch (erfundene) Einzel-Fälle
  20. Vergleichen Sie die Birnen DER ANDEREN mit den Äpfeln DER WIR.
  21. Ignorieren Sie Statistiken, erfinden Sie Zahlen.
  22. Beschränken Sie Ihre Agitation auf wenige Themen.
  1. Verwenden Sie eine gefühlvolle Sprache.
  2. Bringen Sie Sach-Probleme auf eine persönliche Ebene
  3. Polarisieren Sie. Erfinden Sie für alles unüberbrückbare Gegensätze.
  4. Verwenden Sie suggestive Wort-Kombinationen mit hohem Gefühlswert.
  5. Erfinden Sie neue Schimpf-Wörter für DIE ANDEREN.
  6. Führen Sie persönliche Angriffe auf namentlich genannte ANDERE.
  7. Schmähen Sie den Namen Ihres FEINDES.
  8. Verspotten Sie körperliche Merkmale Ihrer FEINDE.
  9. Bezeichnen Sie DIE ANDEREN als Tiere.
  10. Sprechen Sie von DEN WIR und DEN ANDEREN jeweils als Gruppe ohne jede weitere Unterscheidung.
  11. Regen Sie Gewalt-Phantasien in Bezug auf DIE ANDEREN an.
  12. Erfinden Sie gewalttätige Ereignisse.
  1. Drohen Sie DEN ANDEREN.
  2. Kein Mitleid mit DEN ANDEREN.
  3. Unterstellen Sie DEN ANDEREN immer schlechte Motive.
  4. Unterstellen Sie DEN ANDEREN jedes Verbrechen.
  5. Kommentieren Sie „unerfreuliche Dinge“, die DEN WIR zugeschrieben werden, in nüchterner Sach-Sprache.
  6. Verteidigen Sie die Hass-Sprache des SUPER-WIR mit Sach-Sprache.
  7. Reden Sie von DEN WIR in Liebes-Sprache.
  8. Geben Sie herkömmlichen politischen Begriffen eine neue Bedeutung.
  9. Bezeichnen Sie das Tun DER ANDEREN als Missbrauch.
  10. Wiederholen, wiederholen, wiederholen.
  11. Verknüpfen Sie Dinge, die eigentlich nicht zusammengehören.
  12. Propagieren Sie Zwänge. Sprechen Sie von müssen, sollen, nicht können, …
  13. Verwenden Sie Vorannahmen, um Ihr Welt-Bild zu predigen.
  14. Erzählen Sie Geschichten.
  15. Verwenden Sie Metaphern, Gleichnisse, bunte Bilder, …
  16. Sprechen Sie Mythen an.
  17. Erfinden Sie Autoritäten, wie Daten, Gesetze, Personen, … um ihre Argumente zu stützen.
  18. Wecken Sie Gefühle durch (erfundene) Zitate.
  19. Setzen Sie gezielt Symbole mit hoher Gefühls-Wirkung ein.
  1. Entwerfen Sie für die demagogischen Organisation ein Ideal-Bild in Ähnlichkeit zu einer Sekte.
  2. Umgeben Sie sich mit einer kleinen Schar absolut Getreuer.
  3. Fordern Sie Unterwerfung.
  4. Verkündigen Sie Paradoxa.
  5. Verwirklichen Sie in Ihrer Organisation ein Rotations-Prinzip.
  6. Schaffen Sie sich eine schnelle Eingreiftruppe.
  7. Geben Sie sich ein Durchgriffsrecht auf die gesamte Organisation.
  8. Geben Sie sich ein Willens-, Wissens- und Erklärungsmonopol.
  9. Fordern Sie Loyalität. Seien Sie illoyal.
  10. Demütigen Sie Abtrünnige.
  11. Verleihen Sie sich selbst mehrere Image-Bilder. Kümmern Sie sich nicht um Widersprüche.
  12. Verschleiern Sie eigene Skandale, solange es geht.
  13. Bei drohenden Skandalen: Kritisieren Sie vorbeugend die eigenen Leute.
  14. Bei Ausbruch eines Skandals: Gehen Sie auf Tauchstation.
  15. Drohen Sie mit Rücktritt.
  16. Zur Dämpfung eines Skandals: Setzen Sie symbolische Aktionen.
  17. Verstoßen Sie Skandal-Träger als ANDERE.
  18. Zur Überlagerung eines eigenen Skandals: Skandalisieren Sie DIE ANDEREN.
  19. Trennen Sie das Image des Guru vom Image der Organisation.
  20. Übernehmen Sie keine Verantwortung
  21. Gleichen Sie sich Ihrer Ziel-Gruppe an.
  22. Klopfen Sie kurze Sprüche mit hohem Aufmerksamkeitswert.
  23. Sprechen Sie Tabus an.
  24. Klopfen Sie Nazi-Sprüche.
  25. Verbreiten Sie vor einem Angriff Harmonie-Stimmung.
  26. Erheben Sie einen Vorwurf. Kündigen Sie den Beweis für den Vorwurf für später an.
  27. Emotionalisieren Sie termingerecht.
  28. Setzen Sie das Prinzip des Vertrauens (teilweise) außer Kraft.
  29. Erheben Sie lauthals Beschuldigungen.
  30. Lügen Sie.
  31. Nehmen Sie Aussagen Ihrer FEINDE wortwörtlich.
  32. Kündigen Sie zur Bekräftigung Ihrer Argumente eine Klage an.
  33. Dementieren Sie, was Sie wollen.
  34. Bei Angriffen: Gehen Sie sofort zum Gegenangriff über.
  35. Schweigen Sie die Argumente Ihrer FEINDE tot.
  36. Ändern Sie willkürlich den Bedeutungs-Rahmen Ihrer Aussagen.
  37. Leugnen Sie jedes Muster.
  38. Werfen Sie den FEINDEN das vor, was Sie gerade tun.
  39. Geloben Sie Besserung.
  40. Unterschreiben Sie jede positive Absichtserklärung.
  41. Verbreiten Sie Verschwörungs-Mythen.
  42. Planen Sie eine langfristige Änderung des gesellschaftlichen und politischen Systems.
  43. Stellen Sie jede moralische Autorität in Frage.
  44. Brechen Sie ungeschriebene Regeln der Demokratie.
  45. Eskalieren Sie.
  46. Bündeln Sie Ihre FEINDE.
  47. Bereiten Sie den Mega-Hype vor.