Was ist Finanzkapitalismus? 17 Merkmale

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Finanzkapitalismus: die derzeitige Form des Kapitalismus, anhand von 17 Merkmalen

  1. Dominanz der Finanzsektoren, explosives Anwachsen von Finanzgeschäften und von Finanzmärkten.
    Ein Beispiel ist das Anwachsen der Umsätze für Finanzprodukte. Laut der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ)  lag der „Turnover“ von Finanzderivaten im Jahr 2005 weltweit bei 1.408.379 Mrd. $ (5.634 Mrd. $ pro Handelstag). Berücksichtigt man noch die Tagesumsätze im Handel mit Devisen (1.900 Mrd. $), Rohstoffderivaten (50 Mrd. $), mit Anleihen (47 Mrd. $) sowie Aktien (168 Mrd. $), so ergibt sich: Pro Tag wurden 2005 auf den Weltfinanzmärkten (Basis-)Werte in Höhe von etwa 7,8 Billionen $ umgesetzt. Dieser Wert ist 56 Mal so hoch wie das BIP aller Industrieländer.
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  2. Es entsteht eine „Verschuldungs-Ökonomie“, wodurch die weltweite Geldbasis explodiert.
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  3. „Finanzialisierung“ der Wirtschaft: Finanzinvestoren kontrollieren die „reale“ Wirtschaft.
    1. Orientierung auf Shareholder Value –> Planungshorizont der Manager ist gesunken, Fokus auf mehr kurzfristige Rentabilität. Allgemeine Beschleunigung wirtschaftlicher Abläufe, erhöhtes Kostenbewusstsein, „Outsourcing“, „Fixierung auf Quartalszahlen“, „Just-in-time production“.
    2. Meist nur kurzfristige Veranlagungen. Das tatsächliche Eigentum wird von der Sorge um die langfristige Existenz der Firma, um Arbeitsbedingungen, um Qualität der Produkte, um Umweltstandards, etc. getrennt. (Die historische Begründungen für den Vorteil von Privateigentum, nämlich die Sorge um den eigenen Besitz, werden für die großen börsennotierten Firmen, hinfällig: im Durchschnitt wird „Eigentum“ an den Börsen nur wenige Sekunden gehalten.)
    3. Die Dynamik des Systems geht vom Finanzkapital aus.
    4. Die großen Gewinne werden durch Finanzaktivitäten gemacht –> Umorganisation von früher „Real-Multis“ zu Institutionen, die einen Großteil ihrer Profite aus Finanzaktivitäten beziehen.
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  4. Die Profite steigen stärker als Investitionen in Realkapital, das Verhältnis der Investitionen zu den Profiten sinkt.
    Die alte „Trickle-Down Theorie“ (Profite –> Investitionen –> Produktion und Volkseinkommen –> Beschäftigung) gilt nicht mehr: steigende Gewinne führen per se nicht zu steigenden Investitionen.
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  5. Die Fokussierung auf Finanz- und weniger auf Realinvestitionen und -tätigkeiten führt insgesamt zu stetig abnehmenden Wachstumsraten.
    Das Wachstum der Weltwirtschaft pro Kopf lag

    • in den 60er Jahren bei 3,6%,
    • in den 70er Jahren bei 2,1%,
    • in den 80er Jahren bei 1,3% und
    • in den 90er Jahren bei 1,1%.
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  6. Steigende Konzentration in den Finanzaktivitäten: fast alle Geschäfte und Märkte werden von wenigen großen Institutionen beherrscht.
    Beispiele sind:

    • 75% des täglichen Devisenumsatzes in Höhe von 1,359 Billionen Dollar in Großbritannien konzentriert sich auf 12 Banken. In den USA konzentriert sich 75% des täglichen spekulativen Devisenhandels auf 10 Banken, in Deutschland sind es lediglich fünf.
    • Die drei größten Banken führten 1991 30 % aller Börsengänge von Aktien durch (Initial Public Offerings, IPOs), 2001 waren es über 50 %  (Peukert 2010, 283)
    • Die weltweit 10 größten Institute führten 1990 63,2% aller Emissionen von Schuldpapieren und  Anleihen sowie der Neuemissionen von Aktien durch, 1999 lag dieser Anteil bei 68,2%.
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  7. Der Kern des privaten Sektors bildet ein kleines Netzwerk eng verzahnter Firmen, vor allem von Finanzinstituten.
    Studie ETH Zürich (Vitali u.a. 2011): Analyse der Beteiligungsverhältnisse der multinationalen Firmen, gewichtet nach den operativen Gewinnen, Zahlen für 2007:

    • 737 Shareholder üben die Kontrolle über 80 Prozent aller multinationalen Konzerne aus.
    • Das innerste Zentrum bilden 147 Konzerne. Die Mitglieder dieser Supereinheit haben eine fast vollständige Kontrolle über sich selbst, weil sie sich in einem komplizierten Geflecht von Beteiligungen in wechselseitigem Besitz befinden und andere davon ausschließen. Sie beherrschen zudem rund 40 Prozent der übrigen Wirtschaft. Drei Viertel dieser Firmen sind Finanzfirmen.
    • Die 50 mächtigsten Firmen bilden einen exklusiven Klub von Banken, Fondsgesellschaften und Versicherungen. 48 der 50 Firmen sind Finanzinstitute, nur ein oder zwei können dem „realen“ Sektor zugeordnet werden (Walton Enterprises LLC, Nummer 15, und China Petrochemical Group, Nummer 50).

    Die zwei großen Ratingagenturen (Moody’s, Standard & Poor’s) befinden sich im Besitz der Hedgefonds und Banken mit der größten Kontrollmacht im System.

  8. Globale Hauptakteure (neben der Politik) sind
    1. Banken, Hedgefonds und Private Equity Fonds, die das Vermögen einer neuen Schicht globaler Reicher vermehren, – angelegt und verborgen in Steueroasen,
    2. Pensionsfonds, die hohe Erträge erwirtschaften müssen,
    3. Konzerne, die rentable Anlagemöglichkeiten für ihr überschüssiges Kapital und
    4. Zentralbanken und Staatsfonds, die Anlagemöglichkeiten für ihre Devisen-(Dollar)-Reserven suchen.
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  9. Entstehung eines weitgehend unregulierten Schattenbankensystems, das mit den traditionellen Banken eng verbunden ist. Dazu zählen
    • Finanzinstitutionen, wie Hedgefonds, Private-Equity-Fonds, Zweckgesellschaften für Verbriefungen oder Geldmarktfonds und
    • Finanzinstrumente, wie verbriefte Kredite, Derivate und die Geldleihe auf Repomärkten.
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  10. Diese Geschäfte laufen weitgehend ohne Eigenkapital ab. Damit steigt der Hebel (leverage): mit wenig Eigenkapital kann ein Vielfaches an Kapital bewegt werden –> enorm hohe Eigenkapitalrenditen –> große Gewinne für Finanzinstitute und hohe Boni.
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  11. Mit all dem steigt die Bedeutung spekulativer Geschäfte. Ein immer größerer Teil des Finanzkapitals ist reines Spekulationsgeld. Damit sinkt die Stabilität des ganzen Systems, – in Widerspruch zu den Stabilitätsversprechungen der Instrumente auf einzelwirtschaftlicher Ebene. Das Wirtschaftssystem wird zu einem „Kasinokapitalismus“.
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  12. Ein großer Teil des Schattenbankensystems ist in Steuer- und Regulierungsoasen angesiedelt. (Man spricht von Offshore-Ökonomie.). Damit werden Teile des Finanz-Kapitalismus unsichtbar.
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  13. Das bedeutet, dass sich die sehr reichen Personen und die großen multinationalen Konzerne weitgehend von der Steuerpflicht verabschiedet haben –> die Steuerbasis der Staaten aus Vermögen und großen Einkommen sinkt.
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  14. Der Finanzkapitalismus ist ein System einer permanenten Umverteilung von unten nach oben –> steigende Ungleichheit der Vermögen und Einkommen.Die Reallöhne sinken: z.B. in den USA seit den siebziger Jahren, in Deutschland seit 2000, die Lohnquoten gehen stetig zurück.
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  15. Diese Entwicklungen werden von einer Politik getragen, die sie aktiv unterstützt. Sie folgt der Doktrin „des Marktes“ (Ötsch 2009), dereguliert Märkte, insbesondere Finanzmärkte, verzichtet auf eine makroökonomische Steuerung (im Sinne eines deficit spendings nach Keynes) und hat die früheren Ziele der Kontrolle und Begrenzung von Monopolen und Oligopolen, der Vollbeschäftigung und der aktiven Umverteilung von Vermögen und Einkommen aufgegeben.
    Viele dieser Entwicklungen werden in der These der Postdemokratie von Colin Crouch (2008 und 2011) beschrieben.
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  16. Finanzkapitalismus geht mit einem scheinbaren Machtverlust der Politik einher. Die Politik traut sich nicht zu, die Wirtschaft aktiv zu steuern (was sie de facto mit dem komplexen Regelwerk von Gesetzen, Institutionen und überstattlichen Vereinbarungen macht), sondern glaubt, den Interessen „der Wirtschaft“ folgen zu müssen. Der behauptete Machtverlust dient zur Durchsetzung und Aufrechterhalten von Strukturen des Finanzkapitalismus. Die Staaten unterbieten sich in einem Wettlauf um die Gunst der Konzerne. Zins-, Kapital- und Währungsverhältnisse werden abhängig vom Urteil der Geldanleger, die Politik glaubt ihren Interessen dienen zu müssen.
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  17. Durch diese Politik und die oben erwähnten realen Entwicklungen (wie die zunehmende Dominanz von Spekulationsgeschäften und die zunehmende Konzentration) wird  der Finanzkapitalismus ein immer krisenanfälligeres System. Im Zeitablauf werden die Krisen größer und tiefer.
    Beispiele für folgenwirksame Finanzkrisen sind:

    • die Schuldenkrisen zahlreicher Entwicklungsländer (vor allem 1982),
    • die Börsenkrise in New York 19.10. 1987 (Dow Jones: – 22,6%), mit der Folge der Krise der Sparkassen in den USA (Savings and Loans Associations)
    • die Krise des europäischen Währungssystems (EMS)  1992/93,
    • die Mexikokrise 1994/1995 (populär Tequila-Krise genannt),
    • die Südostasienkrise 1997/98 und die darauf folgende Krise in Russland (1998),
    • Krisen in Brasilien (1998/99 und 2002), Türkei (2000/2001) und Argentinien (2001 und 2002) und
    • die so genannte „Dot.com“-Krise (die Krise der neuen Internetfirmen) ab 2000.

    Die Finanzkrise ab 2008 ist die bislang größte Krise seit der Weltwirtschaftskrise. Sie hatte eine globale Wirtschaftskrise 2009 zur Folge und besteht in Form der Banken- und Staatschuldenkrise im Euroraum weiter.
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