Walter Ötsch | Videos zur Vorlesung „Themen und Theorien der Kulturwissenschaften“

Wissen vernetzen


Videos zur Vorlesung „Themen und Theorien der Kulturwissenschaften“

Welt-Bilder des Abendlandes

Vorlesung „Themen und Theorien der Kulturwissenschaften I“ an der Johannes Kepler Universität Linz im Wintersemester 2012, auf youtube. Ich bedanke mich bei der Johannes Kepler Universität für die Videoaufnahmen und bei Alexander Grömmer für die  zeitaufwendige Bearbeitung.

Überblick über das ganze Semester

  1. Einführung: Welt-Bilder und Wahrnehmen (2.10.2012)
  2. Die Welt der Ilias I (als Ausdruck eines mythischen Welt-Bildes): der Befehls-Raum der Götter (16.10.2012)
  3. Die Welt der Ilias II; Klassisch-griechische Welt-Bilder I (30.10.2012)
  4. Klassisch-griechische Welt-Bilder II (6.11.2012)
  5. Bewusstsein und Gewissen in der Antike und im frühen Christentum I (6.11.2012)
  6. Bewusstsein und Gewissen in der Antike und im frühen Christentum II (13.11.2012)
  7. Das Welt-Bild des frühen und hohen Mittelalters I (13.11.2012)
  8. Das Welt-Bild des frühen und hohen Mittelalters II (20.11.2012)
  9. Welt-Bilder der Renaissance I: Schritte zur Operationalisierung einzelner Wahrnehmungsakte (Einzel-Dinge und Einzel-Menschen) (20.11.2012)
  10. Welt-Bilder der Renaissance II (27.11.2012)
  11. Das mechanistische Welt-Bild I (27.11.2012)
  12. Das mechanistische Welt-Bild II (4.12.2012)
  13. Welt-Bilder der Aufklärung (11.12.2012)
  14. Das Welt-Bild der deutschen Romantik I (8.1.2013)
  15. Das Welt-Bild der deutschen Romantik II (15.1.2013)
  16. Welche Welt-Bilder haben wir heute? (15.1.2013)

1. Stunde

(2.10.2012): Einführung: Welt-Bilder und Wahrnehmen

  1. a) Wie könnte man einen Überblick über die Kulturwissenschaften machen?
    Die vielen Felder von Kulturwissenschaften
    Überblicke anhand (a) von einzelnen Wissenschaften, (b) von historischen „Turns“ oder (c) von wichtigen Inhalten
    b) Meine Vorgangsweise: Welt-Bilder in ihrer Verschränkung mit Wahrnehmungsprozessen
  2. Was sind Welt-Bilder? Was sind Natur-Bilder  [nach Karen Gloy]
  3. Die Thesen des Wahrnehmungs-Relativismus und des Wahrnehmungs-Historismus
  4. Das einfache Drei-Stufen-Modell von Karen Gloy als Einführung [1-Antike, 2-Mittelalter, 3-Neuzeit]
  5. Johannes Kepler als Beleg für den Umschwung zum neuzeitlichen Welt-Bild
  6. Grundzüge des mechanistischen Welt-Bildes: Aspekte eines “Objekts” (instrumentalistisch, substantialistisch, atomistisch, reduktionistisch), das Konzept der Naturgesetze, Materie (res extensa) und Geist (res cogitans) bei Descartes, Realismus und Relativismus, Abbildtheorie des Geistes
  7. Die cartesianischen Dualitäten und der Versuch der Kulturwissenschaften, diese zu überwinden.
  8. Wahrnehmung im mechanistischen Welt-Bildern
  9. Grundansatz der folgenden Stunden: Wahrnehmungshistorismus; die Verschiebung der Grenze von “außen” und “innen” anhand zweier Beispiele [das Konzept der Besessenheit, das Konzept einer „Idee“]
  10. Schlussüberlegung: “Wir sind in vielen Welten zuhause”

2. Stunde

(16.10.2012): Die Welt der Ilias I (als Ausdruck eines mythischen Welt-Bildes): der Befehls-Raum der Götter

1. Die Götter der Ilias

  • Der historische Hintergrund der Ilias
  • Die 1. Szene der Ilias: Achilles kontra Agamemnon: das Eingreifen der Pallas Athene
  • Die befehlenden Götter
  • Götter als >reale< Wesen, Götter als Personifikationen von Kräften
  • Epiphanien, nur bei besonderen Anlässen
  • Eine zwingende Präsenz, machtvolle leibliche Erfahrungen.
  • Zwangsläufig erfahrene Zustände: in der Gewalt von Kräften, die man nicht kontrollieren kann.
  • Die Erlebnis-Momente werden mit Götternamen belegt.
  • Gott und Natur stehen in keinem Widerspruch. Es gibt keine göttlichen Wunder.
  • Merkmale der antiken „Religionen“

2. Götter-Hüllen

  • Götter sind „Individuen mit Allgemeinheitsbedeutung“: Namen für Individuen und zugleich Begriffe mit Allgemein-Bedeutung. sw.
  • Götter agieren als eigenständige Personen und sind zugleich an verschiedenen Orten, zu bestimmten Zeiten, wie Festtagen, in Personen und Dingen „verkörpert“. Sie sind in ihnen „enthalten“, allerdings nicht in einer erschöpfenden Weise, weil sie auch anderswo zu finden sind.

3. Mythische Objekte

  • Das Göttliche durchzieht alles: Objekte, Menschen, Tiere, Zeiten und Räume.
  • Überall wirken die göttlichen Kräfte, freilich in unterschiedlicher Ausprägung und Intensität.
  • Alles ist, wie Karen Gloy für ein magisch-mythisches Welt-Bild schreibt, „durchwaltet und beherrscht gedacht von Kräften, Mächten, Tendenzen, Bestrebungen und Einflüssen, die sich wie in einem Stromsystem hierhin und dorthin ergießen.
  • Das Gemeinsame aller Ströme ist ihre göttliche Natur, Kurt Hübner spricht von „mythischer Substanz.“
  • Die „mythische Substanz“, die den gesamten Raum durchzieht, hat sich im Objekt „kondensiert“.
  • Ein Ding ist „nur eine Hülle, ein Gefäß, in welches eine solche Substanz in größerer und geringerer Dichte eindringt, weswegen das Numinose darin stärker oder schwächer anwesend sein und verspürt werden kann.

4. Mythische Personen

  • Auch Personen sind Gefäße für göttliche Energien.
  • Der Charakter eines Menschen ist von seiner mythische Substanz bestimmt.
  • Ihre ausgezeichnete Stellung begründet sich aus der Sippe, der sie entstammen.
  • Eine Sippe ist eine soziale Hülle gefüllt von „mythischer Substanz“, die einst von einem göttlichen Wesen direkt in einen Menschen eingeflossen ist und nun von Geschlecht zu Geschlecht weitergegeben wird.
  • Eine Sippe „transportiert“ göttliche Kräfte über Generationen.
  • Eine Sippe gibt ihre Energie nicht nur „persönlich“ (durch Kinder), sondern auch durch ihren Besitz, ihre Dinge weiter
  • Durch Gastgeschenke werden Energien ausgetauscht und miteinander verschmolzen.
  • Die Geschichte von Diomedes und Glaukos [6, 122ff.]

5. Mythische Zeiten

  • Arché: eine Ursprungsgeschichte, die sich wieder und wieder vollziehen muß. Irgendwann hat ein numinoses Wesen zum ersten mal eine bestimmte Handlung vollzogen, und seitdem wiederholt sich dieses Ereignis identisch immer wieder.
  • Alles Regelmäßige in der Natur, in der Psyche, in der Gesellschaft ist arché.
  • Mythische Substanzen sind demnach zeitloser Natur. Jedes „Jetzt“ enthält das Vergangene in sich und geht mit der Zukunft schwanger (so Cassirer mit Bezug auf Leibniz).

6. Mythische Räume

  • Wie Ereignisse sind auch Szenen, Orte und Räume nicht in einem Raum „angesiedelt“.
  • Der (physikalische) Raum ist nicht gleichartig, sondern überall nach göttlichen Atmosphären unterteilt.
  • Räume sind Orte, an denen sich Göttliches manifestiert.
  • Orte sind Götter, den Göttern sind Orte zugeordnet.
  • Das Erleben von Atmosphären an einem Ort ZEIGT die Präsenz göttlicher Wesen.
  • Von einem témenos zum anderen sind „Schwellen“ zu überschreiten, oft in Form von Ritualen, die den Menschen auf die neue, vielleicht bedrohende oder erhebende Atmosphäre „einstimmen“.
  • Jede Richtung führt zu einem anderen Sein.

3. Stunde

(30.10.2012): Die Welt der Ilias II (als Ausdruck eines mythischen Welt-Bildes): der Befehls-Raum der Götter; Klassisch-griechische Welt-Bilder I

  • Wiederholung des gewählten Ansatzes: eine Kulturgeschichte von Kategorien
  • Ergänzungen zum mythischen Zeitbegriff: chrónos und arché

7. Flackernde Kategorien

  • Mythische „Kategorien“ als pulsierende, flackernde Oberflächen
  • Atmosphären und Kräfte, Objekte und Personen, Räume und Zeiten fließen.
  • Homers Wesen sind plötzlichen, unerwarteten Energie-Schüben ausgesetzt, die sie gleichsam in Teile zerfallen lassen.
  • Das Konzept eines Systems mit wohldefinierten Teilen, die in stabilen, gleichbleibenden Beziehungen stehen, ist unbekannt.
  • Teile und Ganzes sind keine eindeutig getrennten Denk-Kategorien.
  • Jeder Teil steht für das Ganze, das Ganze für all seine Teile.
  • Teile SIND Ganzes. In jedem Teil IST das Ganze vollständig gegenwärtig.
  • Die Hülle, die einen Teil markiert, ist gedanklich mit der Hülle, die das Ganze markiert, direkt verwoben. Man kann beide Hüllen nicht klar auseinander halten und sie unterschiedlichen kategorialen Ebenen zuordnen. Die Vorstellung springt zwischen Ganzem und Teil andauernd hin und her. Was für einen Teil zutrifft, trifft für das Ganze zu, und umgekehrt.
  • Alle Hüllen sind „Begriffe mit Allgemein-Charakter“.
  • Flackernd – verschwimmende Kategorien dieser Art kennen keinen Begriff von einem einzigen Ganzen, das alles umfängt. Die Welt und der Kosmos sind unentdeckt.
  • Das >Außen< ist keine wirkliche Ordnung, weil es ein Außen nicht gibt. Das >Äußere< des Menschen ist nicht wirklich >außen<, weil das >Außen< im Geist nirgendwo auftaucht.
  • Die Welt besitzt keine feste Struktur.

8. Pulsierende Menschen

  • Der Leib wird nicht „von außen“ betrachtet. Alle Hüllen sind „atmosphärisch verwischt“
  • Ein Mensch ist kein wohldefinierter Teil in einem System.
  • Die Menschen erfahren sich als pulsierende Leib-Teil-Wesen. Einzelne leibliche Empfindungen werden nicht zu einer Einheit zusammengedacht.
  • Ein toter Körper hingegen ist ein verfestigtes Objekt mit einem eigenen Begriff = soma.
  • Soma ist der Leichnam, niemals ein lebendiger Körper.
  • Auch der Geist zerfällt in einzelne Teile.
  • In der Ilias gibt es kein Wort, das Geist, Seele, Bewusstsein oder >Innen-Welt< als Gesamtheit bedeutet.
  • In Analogie zum „Körper“ wird das Psychische in Teilaspekte aufgespalten. Das Konzept eines >Innen-Raumes< fehlt.
  • Das >Innere< wird durch keine eigenen Begriffe erfasst. Homer schildert Menschen ohne jede Innerlichkeit, seltsam und unverständlich flach.
  • Alle seelischen Regungen sind Auswirkungen >äußerer< Kräfte. Jedes Denken bezieht sich in der Ilias auf >Äußeres<. Denken über Denken ist unbekannt.
  • Die Menschen sind nicht nach-denklich, sie konstruieren keinen Selbst-Bezug.
  • Man FÜHLT ungeheure Energien, aber keinen Zwie-Spalt in den Gefühlen.
  • Alles „Innere“ (nach unserer Erfahrung) wird nach >außen< projiziert.
  • In der Ilias sprechen die Menschen über sich, aber nicht über sich.
  • Niemand handelt aus >innerer< Meinung oder eigener Überzeugung.
  • Die entscheidenden Impulse entspringen dem Reden der Götter oder den Reden der Menschen, dem Ge-Rede. Das Gerede bestimmt den Wert eines Menschen. Die Menschen kennen keinen Selbstwert „für sich“, unabhängig davon, was andere über sie sprechen.
  • Alle Leistungen der Menschen, wie staunenswert auch immer, werden im Sprechen einem >Außen<, zugeordnet.
  • Beispiele in der Ilias:
    • (1) Schiffs-Katalog in der Ilias
    • (2) Beginn: „Singe den Zorn, o Göttin, des Peleiaden Achilles,…“
  • Die Menschen leben ohne Schuld und ohne Gewissen.
  • Selbst die grauenvollsten Handlungen werden auf die Götter „abgewälzt“: Sie „bestimmen.. der elenden Sterblichen Schicksal“.

[ab Minute 53]

Klassisch-griechische Welt-Bilder

1. Grundidee

Vom Mythos zum Logos: vom mythischen Welt-Bild („Der Befehls-Raum der Götter“) zu logischen Welt-Bildern („Der göttlich-fließende Raum“, dann ein Konzept des Gewissens)

2. Exkurs: Odysseus – ein neuer Mensch

  • Odysseus ist polytropos [vielgewandt, vielverschlagen]
  • Die Geschichte vom Trojanischen Pferd
  • Die Geschichte mit dem Sohn Telemachos
  • Der Prototyp eines neuen Menschen
  • Das >Innen< grenzt sich vom >Außen< ab.
  • Neues Macht-Potential
    • gegen Menschen
    • auf Kosten der Götter >außen<.
  • Reflexion über HÖR-Gefahren: Die Geschichte von den Sirenen
  • Verstecken des >Innen-Raumes<
    • Er wälzt in seinem nóos viellistige Gedanken.“
  • Von der alten auditiven (>äußeren<) zu einer neuen visuellen (>inneren<) Dominanz
  • Ein visueller >Innen<-Raum

2. Das neue Feld mit zwei getrennten Systemen, die dynamisch-fließend eng verbunden sind

Das neue Wahrnehmungs-Feld mit zwei getrennten Systemen:

  • Die Innen-Welt mit dem Geist, der Seele
  • Die Außen-Welt mit der Welt (kósmos), die Ordnung (lógos), das Sein (ousía)

Eine neue Art von Kategorienbildung:

  • Ein System, bestehend aus Teilen
  • Jeder Teil ist eindeutig definiert. Ein Teil unterscheidet sich hierarchisch-logisch vom Ganzen.

Drei große kulturelle Entwicklungen:

  • Die Erfindung des ersten vollständigen Alphabets der Geschichte
  • Die Erfindung der Münze
  • Die Formulierung der Grundlagen für Philosophie und Wissenschaft im europäischen Abendland
  • Organisation von Erinnerungen
  • Organisation des Handels
  • Organisation des Denkens
  • Verbindliche Regeln für die Beziehung Reden (Hören) und Schrift (Sehen)
  • Verbindliche Regeln für die Beziehung Geld (Metall) und Wert
  • Verbindliche Regeln für die Reflexion und den Diskurs darüber

Diese Entwicklungen haben die Welt grundlegend verändert.

3. Die Entwicklung der Schrift

(1) in der Jungsteinzeit

  • „Alteuropa-Kultur“: Vinca
  • Von Bild-Schriften zu Laut-Schriften
  • Schrift wird komplexer (sie repräsentiert das Sprechen über Dinge) und einfacher (weniger Zeichen)
  • Silbenschrift

(2) in Bronzezeit

  • Europa: die minoische Kultur auf Kreta, Linear A
  • Mykener vom Festland: Linear B
  • Dorer, Krieg um Troja

(3) 3. Anlauf zur Schrift im Nahen Osten

  • Neue Schriftarten: Lautschrift (statt Silben einzelne Laute)
  • Die semitischen Konsonanten-Alphabete
  • Vermittlung durch Phönizier (phonikázein = „nach Art der Phönizier schreiben“)
  • Das erste vollständige Alphabet der Geschichte, ca. spätes 11./10. Jahrhundert oder später
  • Ab 403 ist das klassische griechische Alphabet festgelegt
  • die produktivste Schriftart der Geschichte

Bedeutung: Realität (Sprechen, Hören) und Zeichen (Schrift, Sehen) stehen in einer vollständigen und eindeutigen Beziehung

Exkurs: Hörendes Schreiben

4. Die Entwicklung der Münzgeldes

Ilias: Naturaltausch

Geld entsteht an vielen Orten der Welt, in der Regel aus nicht-ökonomischen Motiven, z.B. aus Opfern bei Zeremonien oder für religiöse Rituale.

(1) Mesopotamien

  • „Geld“ nur als Recheneinheit (und als Mittel, Werte aufzubewahren), aber nicht als Geldstück, als Münze.

(2) Obolos im antiken Griechenland: ursprünglich eiserne Bratspieße als Entlohnung für öffentliche Ämter, Fleischstücke von

  • Opfertieren
  • vom 8. zum 7. Jahrhundert: Metallbarren (Gold, Kupfer, Bronze, Zinn und Eisen

(3) Kleinasien, in der Stadt Sardeis

  • um 640 – 620 v.Chr. erstmals Münzen, der Sage nach von König Midas
  • Das Gewicht wurde durch einen Stempel (Löwenkopf)
  • Garantiert Effizienz im Tausch ohne extra Wiegen
  • Übergang von großen Barren (Gewichts-Geld) zu handlichen kleinen Barren mit normierter Größe und Gewicht (Münz-Geld).
  • der ovalen Klumpen wird zu einer flache, runde Scheibe = Münze
  • Münz-Geld ist Allzweck-Geld:
  • Wertmesser
  • Wertaufbewahrungsmittel
  • Zahlungsmittel
  • Tauschmedium

Die Lyder erfinden den Marktplatz, die ersten bekannten Bordelle und das Glücksspiel.

(4) Rasche Übernahme durch Griechen

  • Handelsstädte, Fernhandel vom Schwarzen Meeres bis nach Sizilien und Afrika, mit Kontakten bis zu den Ägyptern, Lydiern und Assyrern.
  • eine breite Schicht gutverdienender Handwerker, eine kleinere Gruppe immens reicher Handelsherren
  • Solon: ein auf Vermögen basiertes abgestuftes System
  • Herrschaft durch Geld ohne ausgeprägten Verwaltungs- oder Militär-Apparat.
  • Geld als neues Distanz-Medium
  • Koordination unzähliger Menschen über Raum und Zeit
  • Geld erfordert Planung und Simulation

5. Die Entstehung der griechischen Philosophie

  • Die Erfindung des Konzepts eines „Systems“ als Ausdruck einer Distanz zur Welt
  • Das >Innen< erkennt sich als etwas Eigenes, dem die Welt >außen< als Gesondertes gegenübersteht.
  • Die Hafenstadt Milet
  • Thales von Milet (etwa 624 – 544)
  • Anaximander und Anaximenes
  • Eine grundsätzliche Fragestellung: was ist die arché aller Dinge, der „Ursprung, Urgrund und Abgrund“als Grundprinzip von allem?
  • Mit dieser Frage wird eine neue Meta-Ebene erfunden: „die Welt“ mit einer Ordnung, einem einheitlichen Design, einem inneren Plan, einer Struktur = „Das Sein“
  • Die Projektion der abendländischen Wissenschaften
  • Philosophie der Vorsokratiker
    • Distanzmoment: die Welt
    • Eine dünne Grenze >innen< / >außen<
    • Fließ-Konzepte
  • Die neue (abstraktere) Meta-Ebene = Das Gemeinsames der Welt: „das Göttliche“ (to theion)

4. Stunde – Teil 1

(6.11.2012): Klassisch-griechische Welt-Bilder II

5. (Fortsetzung): Die Entstehung der griechischen Philosophie

  • Wiederholung: Der System-Gedanke der Vorsokratiker
  • Die neue (abstraktere) Meta-Ebene = Das Gemeinsames der Welt: „das Göttliche“ (to theion)
  • Die neue Distanz zu „der“ Welt
  • „Innen“ in Distanz zu „außen“
  • Ein Bild dazu: ein gemeinsames fließendes Feld, das durch ein dünne Netz geteilt wird

Stoffliche Bestimmung des dynamisch-fließenden Göttlichen:

  • Thales: alles besteht aus „Wasser“.
  • Anaximenes : alles besteht aus „Luft
  • Anaximander: Das Göttliche der Welt ist „ohne Alter“ (ageron), „ohne Tod“ (athánaton), „ohne Untergang(anolethron) und „ohne Anfang und Verderb“ (agenethon kai apharton) => apeiron,d.h. „ohne Grenze, Ende, Bestimmung“.

Anaximander schreibt das erste Buch in Prosa

494 v.Chr.: Die Perser zerstören Milet: die Philosophie verbreitet sich überall in Griechenland

Heraklit aus Ephesos (540 – 475 v. Chr.): der verbundene kósmos mit einen Plan, einen lógos.

Lógos ist dynamisch und polar

Alles ist andauernd sich änderndes Feuer, wie Geld: „Alles fließt

Gegenthese: Die Schule von Elea

Parmenides (um 480 v.Chr.): das Sein ist „nicht zerstörbar“, „unerschütterlich“, „nicht entstanden“,

unteilbar“ und „unbeweglich“.

Zenon von Elea:

  • „Bewegung“ gibt es nicht.
  • Die vier berühmten Antinomien (z.B. Achilles und die Schildkröte)
  • = das Grundrätsel der abendländischen Wissenschaft!

6. Die Landschaft der Seele

die >Außen-Welt< ⇔ die >Innen-Welt<: der „Geist“ ,

die „Seele“ , logos

Heraklit: „Ich erforschte mich selbst.“

Der neue Bereich unterscheidet sich „stofflich“ nicht, die gleicher Fließ-Qualität überall.

Die Seele ist

  • eingemischt im Universum“ (Thales)
  • aus „Luft“. (Anaximenes),
  • Feuer“ (Anaximander)
  • Feuer und Wasser“ (Heraklit).
  • eine besondere „Luft, die wärmer ist als die äußere Luft, in der wir uns aufhalten, aber viel kälter als die Luft in der Nähe der Sonne.
  • (Diogenes von Apollonia)

Mentale Vorgänge

  • „Das dem Herzen umströmende Blut ist die Denkkraft“ (Empedokles)

Innen-Raum, Personalität, Individualität

Eine >innere< Landschaft, aber keine Individuen.

7. Seelen-Literaturen

  • Die neue Kunstform der Lyrik
  • Das Beispiel von Sappho: erste Aspekte einer Selbst-Beobachtung.
    • Im chaotischen Durcheinander >innen< gibt es ein noema (so etwas wie ein Gedanke, ein Wunsch, eine Absicht), das sich der geliebten Person gegenüber „niemals wandeln“ kann.
    • synoida, später: „Bewusstsein“
    • Der Überfall durch die Gefühle >außen<
    • Erstmals: Zwiespalt in den Gefühlen
  • Neue Distanz-Literaturen:
    • Geschichtsschreibung
    • die wissenschaftliche Prosa
    • die Tragödie
  • Die Tragödien als bewusste Simulationen einer virtual reality.
    • Problem: was bedeutet es, einen >Innen-Raum< zu besitzen und aus diesen Raum heraus sich zu entscheiden und entscheiden zu müssen?
    • Aischylos: das Handeln der Menschen ist ein >inneres< Handeln
    • Orestes als Prototyp des ichbewussten Menschen im göttlich-fließenden Raum: erste Aspekte eines Gewissens
    • Darstellung der schlimmsten Entscheidungs-Situationen
    • Die katástrophe

8. Erfahrungsmomente in diesem Welt-Bildern: ein >inneres< und >äußeres< Fließen

  • Die These vom Wahnehmungs-Historismus wiederholt
  • Der Raum >innen< analog zum Raum >außen<: zwei getrennte Bereiche mit einer ungemein dünnen Grenze: Alles fließt hin und her
  • >Außen< und >innen< in direktem und unmittelbarem Zusammenhang
  • >Reales< und Imaginäres geht ineinander über.
  • Wach–Bewusstsein und Traum–Bewusstsein sind >real<.
  • Der Leib wird in seiner Ganzheit als fließend und lebendig erfahren.
  • Kein qualitativer Bruch: >außen< und >innen< ist das Gleiche zu finden
  • Fließ- und Strömungs-Metaphern (Luft, Wasser, …) für „die Welt“ und die Art, wie die Sinne funktionieren.
  • Konzepte von „dynamisch-fließenden Sinnen“
  • Empedokles: Das Tun der Sinne = athrein („auf etwas starren.“)
  • Anaxagoras: Wahrnehmen ist “von Schmerz begleitet.”
  • Empedokles: Wahrnehmen ist ein Fließen des Gleichen.
    • Nicht nur von Lebewesen und Pflanzen“ schreibt Plutarch über Empedokles, „oder von Erde und Meer, sondern auch von Steinen und Kupfer und Eisen gehen kontinuierlich zahlreiche Ströme aus.
  • Alle >Objekte< >außen< besitzen eine schwammartige Oberfläche.
  • Die Sinne als Röhren, die von >außen< durchbraust werden.
  • Die Sinne sind wie Poren. (póros bedeutet Durchgang, Furt). Jeder Sinn hat seine Poren, die nur bestimmte Ströme passieren lassen.
  • Die Poren der Augen nehmen das von außen einströmende Feuer oder Licht in sich auf und vermögen so Licht und Dunkel zu „sehen“.
  • Beim Riechen gelangen die feinen Ausströmungen der Dinge in die Poren der Nase, was nur geschehen kann, wenn wir atmen.
  • Denn mit der Erde sehen wir Erde; mit Wasser Wasser und mit Luft [aether] strahlende Luft, aber mit Feuer vernichtendes Feuer; Liebe sehen wir mit Liebe und Streit mit verderblichen Streit.“[Empedokles]
  • Die Atomisten (Leukipp von Milet, Demokrit von Abdera): eidola
  • Lukrez: Dinge als textura mixta, Absonderung von simulacra
  • Wahrnehmen ist das Berühren von Bildern
  • Wahrnehmen = einverleiben, einatmen, schnüffeln, verzehren (Hartmut Böhme)

9. Ekstasen und Atmosphären

  • Ekstatische Zustände als kulturelle Massen-Phänomene, die „dionysische Raserei“
  • Ékstasis = „außer sich sein“.
  • Enthusiasmós = „Gott in sich haben“
  • Im Wahn hat man Anteil an göttlichen Kräften
  • In Ekstase kann man
  • Zukünftiges prophezeien (Apollo)
  • Poesie treiben (die Musen)
  • Liebe machen (Eros und Aphrodite)
  • Eros als unkontrollierbare Gewalt
  • Die Mysterienkulte
  • Ekstatische Zustände als Verschmelzung
  • Analogie zum Riechen: keine Distanz, >innen< und
  • >außen< vermischt, dynamisch
  • Atmosphären-Erleben, z.B. von Orten
  • Die Sinne funktionieren atmosphärisch
  • Alles hat seine Ausstrahlung, seine Aura, sein Fluidum,
  • Eine Riech-Kultur
    • Gerüche für die Welt-Konstruktion als Ganzes
    • theos = Gott ; thyos = Rauchopfer, Räucherwerk.
    • thysia = das Töten von Tieren mit anschließender Opfermahlzeit

10. Das Göttliche wahr-nehmen

  • Witterung von „Atmosphären“
  • z.B.: phema, lat. fama = Gerücht
  • Die göttliche Herkunft der Träume: der Traum als Person, Traum-Bilder als Eidola
  • Traum als Wahrnehmungs-Phänomen: Man hat nicht einen Traum, man SIEHT einen Traum.
  • Welche Infos sind glaubwürdiger, die im wachen oder die im Träumen?
  • Zukunft-Schau beim Träumen
  • Die Traumdeutung (oneirokrítike) als anerkannte Kunst
  • Das Handbuch des Artemidoros: 1400 Traummotive
  • Es gibt hier keine „Zufälle“ (Zufall as theoretischer Begriff!)
  • Atmosphären-Zeichen: Tiere, Details bei den Opfer-Zeremonien
  • Der Seher (mántis)
  • Weissagen (theiázein) = Göttliches sagen
  • Orakel (théspata) = göttliche Aussagen
  • Besessenenheit „herausbeschwören“ (exhorzízein)
  • Alles ist mit göttlicher Bedeutsamkeit erfüllt.
  • Orte, Räume, Personen, Dinge können mit >äußeren< Kräften aufgeladen sein.
  • Schadenszauber durch Fluch-Texte: katádesmos (lat. defixio) = „Binde-Zauber“

4. Stunde – Teil 2

(6.11.2012): Bewusstsein und Gewissen in der Antike und im frühen Christentum I

(Video 4-2)

[Fragen beantwortet zum System- und zum Logos-Konzept in der Antike, in Abgrenzung zum Mythos]

1. Das Wissen des Ge-Wissens

(a) Wortbedeutungen

Das deutsche Wort Gewissen

  • mittelhochdeutschen gewizzen
  • im althochdeutschen gewizzani

aus einer Lehnübersetzung zum lateinischen conscientia, die Notker Teutonicus um die Jahrtausenwende zu Psalm 68, Vers 20 einführt. Das Wort hat ursprünglich einen weiblichen Artikel und wird später im Mittelhochdeutschen sächlich.

Lateinisch conscientia

  • ursprünglich ein Ausdruck der Rhetorik vor Gericht, mit dem Auswirkungen des Schuld-Bewusstseins in Form von Unruhe und Unsicherheit bezeichnet wurden
  • später ein Ausdruck des Christentums.

Der lateinische Begriff gilt seinerseits als Lebensübersetzung des griechischen syneidesis.

Griechisch synoídesis, synóida

  • oida bzw. eido bedeutet sehen, erblicken, verstehen, wissen; im Lateinischen videre

conscientia und synoidesis sind reflexiv

  • Syn und con bedeuten „mit“.
  • Ein Moment der Distanz (ich weiß etwas über etwas) und ein Moment der Intimität (in mir über mir)

Das Ge-Wissen ist ein Mit-Wissen mit jemand in einer Sache: ein >innerer< Mit-Wisser tritt auf: eine Meta-Ebene im Bewusstsein

(b) Grundidee

  • In der Entdeckung der >Innen-Welt< formen sich Meta-Instanzen der Manipulation >innerer< Welten.
  • In der Beschäftigung mit >inneren< Vorgängen wächst so die Bereitschaft, Teile der >inneren< Welt als abgegrenzt und isoliert zu denken, ihnen eigene Namen zu geben und sie z.B. in Form gleichbleibender Bilder an sie zu erinnern.
  • Die >Innen<-Welt< nimmt damit festere Formen an.
  • >Äußere< Impulse und Kräfte wandern nach und nach nach >innen< und werden – in ihrem gefühlsmäßigen und körperlichen Erleben – als von >innen< kommend erfahren.
  • In diesem Prozess sinkt die „Fähigkeit,“ die Götter direkt >außen< zu erfahren. Sie werden „unsichtbar“, ihre Wahr-Nehmung auf ausgezeichnete Momente oder auserwählte Personen beschränkt.
  • Das Bewusstsein entwickelt sich auf Kosten der Götter.
  • Die Befehle, die die Götter im Befehls-Raum der Götter direkt erteilen, erscheinen nun als >innere< Befehle. .
  • Dieses Denken kann die Form eines >inneren< Dialoges annehmen. eine Stimme >in< mir spricht zu mir und bewertet meine Handlungen.
  • Ein Bewusstsein, das Elemente eines Gewissens kennt, konzentriert sich zumindest auf zwei Vorgänge auf zwei Ebenen:
  • auf aktuelle Erfahrungen, Wünsche, Impulse und
  • zugleich auf ihre Bewertung und Billigung, – letztere ist mehr zeitunabhängig und weist konstantere Aspekte auf.
  • Als neue Phänomene werden Gewissens-Bisse, Gewissens-Not, Gewissens-Pein erfahren.
  • Die Menschen beginnen sich als „moralisch“ zu erfahren und ihr eigenes (und fremdes) Handeln als „moralisch“ zu beschreiben.

2. Die Rachegöttinnen

  • >Äußere< Formen des „schlechten Gewissens“
  • Die Rachegöttinnen, Erinnyen oder Eumeniden, berichten, was an einer Tat verwerfenswert ist und vermitteln das, was später Schuld-Gefühle heißt.
  • Beispiel: Orestie von Aischylos
  • Euripides, ein halbes Jahrhundert später
    • Das Gewissen ist hier ein Bewusstseins-Vorgang, der als eigen und >innerlich< erfahren wird: Euripides lässt Orestes davon in Ich-Form berichten.

3. Sokrates (470 – 399)

  • Zeitgenosse von Euripides
  • Sokrates HÖRT mit unumstößlicher Gewissheit eine >innere< Stimme, der er in letzter Konsequenz bis in den Tod folgt.
  • Sein Auftreten wirkte wie ein Schock: man ist fasziniert und abgestoßen zugleich.
  • Sokrates weiß, dass sein >Inneres< eine ungeahnte Tiefe besitzt, ihm selbst, so meint er, von Gott Apollo persönlich verliehen.
  • Diese Tiefe setzt er auch bei seinen Gesprächs-Partner voraus. In jedem steckt, so meint er, von Geburt ein ihm noch nicht bewusstes Wissen.
  • Eine innere Stimme: Daimonion:  Er hält Sokrates ab, (1) Schlechtes zu tun und (2) dass ihm Schlechtes geschieht.
[Frage zu Privatheit und Individualität der inneren Stimme bei Sokrates.]

Die innere Stimme besitzt:

  1. Endgültigkeit:
    • Etwas „Göttliches“ in mir.
    • Das okkupiert Sokrates, wichtiger als Tod.
    • autorativ (wie ein Kommando von außen ) und inspirativ (aus mir selbst)
  2. Intimität
    • Geheim und privat: niemand anderer hört das.
  3. Zeugenhaftigkeit
    • Jemand sieht zu als Zeuge für das, was ich tue.
    • Reflexiv: Sokrates ist sein eigener Zeuge.
  • Sokrates verwickelt alle, die er trifft, in scheinbar harmlose Fragen, die bald grundsätzlicher Natur werden.
  • Sokrates fragt nach den Begriff, der Definition: was sei denn wesensgemäß mit einen Wort wie der Tugend, der Tapferkeit, das Gute gemeint? Sokrates gibt ? Antworten vor.
  • Im Dialog mit anderen möchte er sie dazu bringen, seinen eigenen Zustand nachzuvollziehen, nicht sie zu bestimmten Antworten zu bringen oder gar philosophischen „Inhalte“ zu vermitteln.
  • Aristophanes hat im Jahre 423 mit „Die Wolken“ eine bissige Satire auf Sokrates geschrieben, der hier als „Priester des kniffligen Wortes“, „Erhabenheitsschwätzer“ und Gottesleugner verspottet wird.
  • Sokrates hört eine „innere Stimme“: eine neue Meta-Ebene im Bewusstsein: man steht gleichsam neben sich und beobachtet, dass man >innerlich< etwas weiß.
  • Im Erleben des Gewissen (und im Verstehen des Wortes „Gewissen“) erfährt (entdeckt) man sich als sein eigener Mitwisser. Das >Innere< wird (zumindest) als zwei-lagig gedacht: seine herkömmlichen Inhalte und die >innere< Stimme, die die Inhalte kommentiert und bewertet. Die neue Schicht der Seele ist den anderen Teilen übergelagert. Sie will sie beherrschen, kontrollieren. Ein Teil der Seele spricht Befehle über die anderen aus, will sie kontrollieren und in (sozial gefällige) Richtungen lenken: „Ich“ kontrolliere „mich“ gleichsam selbst.
  • Bei Sokrates wird erstmals das Leib-Seele-Problem mit großer Klarheit formuliert.
    • Bringt vielleicht das Gehirn alle Sinnesempfindungen hervor – Hören, Sehen und Riechen? Und entsteht das Gedächtnis und die Meinungsbildung aus diesen? Und entsteht beweisbares Wissen aus fest gegründetetm Gedächtnis und Meinung?“ (Phaidron)

4. Plato (427 – 347)

  • Nach Charles Taylor ist Plato der erste Denker, der klar von einem einzigen >Innen-Raum< spricht.
  • Der menschliche Geist wird hier erstmals als einheitlicher >Raum< aufgefasst.
  • Welche >Außen-Welt< entspricht dieser >Innen-Welt<?
  • Nach Plato kam eine innere Vereinheitlichung, eine innere Ordnung nur dann entstehen, wenn die Vernunft regiert.
    • Der Begriff der Vernunft steht in engen Zusammenhang mit dem der Ordnung. Die von der Vernunft regierte Seele ist eine geordnete Seele“ (Taylor)
  • Eine solche Seele ist gesund. Sie vermag die Welt so erkennen, wie sie ist, nämlich als geordnete Welt. „Die Vernunft kann demnach als Wahrnehmung der natürlichen oder richtigen Ordnung begriffen werden„.
  • Die von der Vernunft >innen< geordnete Seele steht einer umfassend geordneten Welt >außen< gegenüber.
  • Die Welt-Seele
  • Ideen als Konzepte der „Außen-Welt“

5. Stunde – Teil 1

(13.11.2012): Bewusstsein und Gewissen in der Antike und im frühen Christentum II

(Video 5-1)

4. Plato (Fortsetzung) (427 – 347)

>Innen-Welt< und >Außen-Welt< bei Plato

Die Ordnung >innen< steht in Beziehung zu einer Ordnung >außen<: dort >existiert< eine harmonische Hierarchie von Ideen. >Innen< und >außen< sind jeweils ein einziges Feld. Sie sind aufeinander bezogen, aber getrennt. Es gibt eine Seele und einen Körper, eine >Innen-Welt< und eine >Außen-Welt<.

Das Höhlengleichnis bei Plato

  • Bewusstseinsprozesse sind bei Plato „Schattendeutungen“ von „Höhlenbewohnern“: Schatten von außen (dem Lichte höherer Kenntnis) auf der Wand in der Höhle.
  • Ein „höheres Bewusstsein“?
  • Eine erste Theorie des Unbewussten?

Dualität bei Plato

  1. Jeder Mensch hat Körper und Seele. Beide Wesenheiten sind an verschiedenen Orten und können sogar voneinander räumlich getrennt existieren
  2. Jede Seele ist unsterblich.
    1. Sie ist ohne Anfang und Ende und kann immer wieder geboren werden. Durch die vielen Wiedergeburten erlangt sie Erfahrung.
    2. Vor allem hat sie ein Wissen über die Tugend, an das sie sich immer wieder erinnern kann.
  3. Die Seele ist dem Körper überlegen wie ein Rosselenker seinen Pferden. Metapher von  Führer – Gespann – Ross. Diskussion von Wechselwirkungen von Geist und Körper
  4. Die Seele wird im Körper gefangen gehalten. Nach ihrer Befreiung durch den Tod kann sie die absolute Wahrheit erkennen.
  5. Die Seele besteht aus den drei Elementen Denken (Vernunft), Gefühl/Aktivität (auch als Belebtheit oder Energie gedacht) und Begierde/Triebe.
  6. Das Denken ist im Kopf, Wille und Gefühle in der Brust, die Begierde im Unterleib.
  7. Die Vernunft hat eine übergeordnete Rolle.

Die Rolle der Vernunft

  • Bei Plato ist der Kosmos als Ganzes mit Vernunft ausgestattet, daher postuliert er die Existenz einer Weltseele, die alles durchdringt.
  • Das Denken und die damit verbundene Vernunft sind die unsterbliche Bestandteile des Menschen Die unsterbliche Seele ist in ihrem Wesen der Weltseele gleichartig, sie hat weder Anfang noch Ende.
  • Die Erkenntnisse des Menschen sind Wiedererinnerungen an, die vor der Verkörperung geschauten Ideen.
  • Die Entfaltung der Vernunft ist Plato eine theoretische, gleichzeitig aber auch eine praktische Aufgabe.

(Das Seelenkonzept von Aristoteles, 384-322, kann aus Zeitgründen in dieser Vorlesung nicht behandelt werden.)

5. Philo von Alexandria (15/10 v. Chr.- 40 n. Chr. – 347)

  • Die Epoche des Hellenismus
  • Philo ist ein griechischer Jude. Er wollte die jüdische Schrifttradition (allegorisch interpretiert, – wie man damals die Ilias sah) mit der griechischen Philosophie vereinen.
  • Eine erste „Theorie“ des Bewusstseins
  • Eine sichtbare Welt und eine unsichtbare Welt
  • Seele – Leib – Dualismus, ohne Jenseits und ohne Himmel
  • Der Mensch hat von Gott ein Bewusstsein = Gewissen
  • Es fungiert als Ankläger, Zeuge, Richter
  • Das Gewissen rettet den Menschen im Diesseits.
  • Es erscheint hier als permanente Komponente der Seele.
[Frage zum Hellenismus]

6. Exkurs: Polytheismus und Monotheismus

  • Der eine Gott macht die Welt eindeutiger.
  • Ein „verinnerlichter“ Gott im Judentum: er verlangt ein persönliches Glaubensbekenntnis.
  • Von der jüdischen zur christlich-paulinischen Religion
  • (Literatur: Jan Assmann „Die Mosaische Unterscheidung“, 2003)
  • Merkmale „sekundärer“ Religionen (im Vergleich zu „primären“)
  • Kosmos, Mensch und Gesellschaft sind getrennt.
  • Die Natur ist von Gott erschaffen.
  • Statt dem „Prinzip der Übersetzbarkeit der Götter“ gibt es ein „Prinzip der Differenz“.
  • Von Kult- zu Buchreligionen

7. Paul, Paulus von Tarsus († um 65)

  • Das neue Christentum als universale Religion.
  • Das persönliche Bekenntnis
  • Syneidos und syneidesis als innere Einheit, nur für die Person selbst bewusst.
  • Als anthropolgischer Term: jeder hat das.

8. Augustinus (354-430)

(a) >Innen> und >Außen<-Konzept

  • Augustinus ist der erste Denker, der seine Lehre ausdrücklich in den Begriffen von >innen< und >außen< formuliert.
  • Das Äußere, so schreibt er in „De Trinitate“ ist das körperliche, das Innere die Seele. Bei Plato findet sich ein solcher Wortgebrauch nicht.
  • Augustinus ist damit der erste Theoretiker des >Innen-Raumes<.
  • Das >Außen< kristallisiert sich bei Augustinus um einen eindeutigen Kern, um den einen Gott.
  • Ihm steht ein >inneres< Feld (im Sinne von Plato) gegenüber. Ihr Kern ist die christliche Seele, eine personale Seele.
  • Von Plato zu Augustinus wird das personale Moment bei Gott und bei den Menschen verstärkt.
  • Gott ist reiner Geist, Gott ist Denken: „Aus den externen Ideen werden die internen Gedanken Gottes.“ (Gloy)
  • Mit diesem Konzept kann die Beziehung der geistigen Seele zum geistigen Gott neu entworfen werden.
  • Der >äußere< Gott kann nämlich auch im >Inneren< entdeckt werden.
  • Augustinus formuliert zum ersten mal das Programm des abendländischen Menschen, Wahrheit und Gewissheit im eigenen >Inneren< finden zu wollen. (Taylor)
  • Augustinus beschreibt die Seele als „tiefe“ Seele, in 7 Schritten
    • Der Weg nach >innen<. verläuft über sieben Stationen, sieben >Orte< im >inneren Raum<. (Weischedel)
    • Der 7. Raum ist das „innerste Innere“ (interior intimo meo). Es ist die Quelle, die jede Seele erleuchtet: es ist Gott.

(b) Gottes-Bilder und die christliche Seele

  • Der „jenseitige“ transzendente Gott – weit weg „da draußen“, hoch am Himmel
  • Der „diesseitige“ immanente Gott – ganz nah „da innen“, in der Tiefe jeder Seele.
  • Gott ist, wie Augustinus in seinen „Bekenntnissen“ schreibt, „innerlicher als mein Innerstes und höher als mein Höchstes.“

(c) Exkurs: Der immanente Gott in der Mystik

  • Kurzer Hinweis auf Meister Eckehart (um 1260 – 1328)

5. Stunde – Teil 2

(13.11.2012): Das Welt-Bild des frühen und hohen Mittelalters I

(Video 5-2)

1. Objekt-Konzept

Keine Subjekt-Objekt-Unterscheidung

  • Das subjectum = das „Unterliegende“, bei Aristoteles das hypokeimenon: im ontologischen Sinn der Träger einer Eigenschaft.
  • Das objectum ist der Gegenentwurf zum „Unterliegenden“ = etwas Vorgestelltes (antikeimenon)

Erst im 17./18. Jhdt wird das Objekt zum Gegenstand, der dem Subjekt gegenübersteht.

Ein „Objekt“ in der Antike und im Mittelalter

  • existiert nicht für sich alleine als Einzel-Objekt: Philosophie des Universalismus:
    Universalien (Gattungsbegriffe) vor oder in Einzel-Dingen: System-Objekte, universalia sunt realia
  • kann nicht auf Materielles (in unserem Verständnis) reduziert werden.

Antike und mittelalterliche „Objekte“ sind reichhaltiger:

  1. Dinge sind zweckhaft. Sie besitzen einen inneren (ihnen wesentlichen) Zweck, – unabhängig davon, was Menschen mit ihnen anstellen.
  2. Dinge sind werthaft. Sie besitzen einen inneren (ihnen wesentlichen) Wert, – unabhängig davon, was ihre Werthaftigkeit für Menschen ausmacht.
  3. Dinge sind symbolhaft. Sie stellen in innerer (ihnen wesentlichen) Verbindungen zu anderen Dingen, – unabhängig davon, ob Menschen fähig sind, diese symbolischen Zusammenhänge zu erkennen.

(ad 1): Die Zweckhaftigkeit der Dinge

  • enteléchia oder Teleologie, nach Aristoteles zurück
  • Die Welt ist ein sinnvolles Ganzes, das hierarchisch geordnet ist. Alle Dinge sind auf einen Zweck gerichtet .
  • Konzept des „natürlichen Ortes“
  • Spärenmodelle
  • Dionysios Aeropagita: eine Hierarchie von Sphären hin zu Gott
  • Ordo-Konzepte der Gesellschaft: die soziale Sphäre als natürlicher gesellschaftlicher Ort.
  • Essenz und Existenz bzw. Potenz und Akt bei Thomas von Aquin: Die Dynamik der Dinge im Spannungsfeld von Potenz und Akt

(ad 2): Die Werthaftigkeit der Dinge

  • Jedes Ding besitzt einen inneren (intrinsischen) Wert.
  • Konzept der bonitas intrinseca
  • Ding und Wert bilden eine organische Einheit.
  • Erkenntnistheorie und Ethik sind nicht getrennt.

(ad 3): Die Symbolhaftigkeit der Dinge

  • Dinge sind Zeichen, Kennzeichen, Symbole, – sie weisen auf anderes hin.
  • Jedes Stück Holz, jede Pflanze und jedes Tier ist Teil eines symbolischen Ringes, der alles Erschaffene umschlingt.
  • Das Wort Symbol (im Lateinischen symbolum) geht auf das altgriechische Wort symbolon zurück, wörtlich „Zusammengefügtes“. Ein symbolon ist ein Erkennungs-Zeichen, das aus zwei Teilen besteht. Ein Ring wird in der Mitte auseinandergebrochen und an zwei Personen verteilt. Jede besitzt die Hälfte des Rings. Treffen sie sich wieder, dann können sie die beiden Bruchstücke aneinander legen.
  • Jeder Teil ist ein Erkennungs-Zeichen für den anderen, das Symbol beweist ihre Einheit. Aneinander gefügt ergeben sie ein Ganzes.
  • Dinge sind symbol-geladene Materie. Sie formen ein riesiges Netzwerk geknüpft aus symbolischen Fäden.
  • Die Welt ist ein endloses Band von Anziehung und Abstoßung, von Sympathie und Antipathie, von Ähnlichkeit und Unähnlichkeit.
  • Konstruktionen von Zusammenhängen nach den Prinzipien von Sympathie und Antipathie, Ähnlichkeit und Unähnlichkeit.
  • Nach diesen Prinzipien kann man tausende Dinge verweben.
  • Personen, Ereignisse und Orte sind symbolformenden Strahlen ausgesetzt. Ern Ding bleibt nur dann ident, wenn sich Ähnlichkeit und Unähnlichkeit, Sympathie und Antipathie in ihm die Waage halten. Jeder Gegenstand wird von dynamische Spannungen in einem Schwebezustand gehalten.
[Frage zur Magie des mittelalterlichen Christentums]

2. Das Zeichen-Konzept

  • Semiotik (von seimeion = „Zeichen, Signal“): die Wissenschaft von den Zeichen: Bilder, Gesten, Formeln, Sprachen, Geld, …
  • Der Zeichenbegriff der strukturalistischen Sprachwissenschaft (Ferdinand de Saussure): ein Zeichen ist die Beziehung (Verbindung) zwischen Bezeichnetem (Signifié, Signifikat) und Bezeichnendem (Signifiant, Signifikant).
  • Im frühen und hohen Mittelalter sind Zeichen keine rein sozialen Konventionen, unabhängig von dem, worauf sie hinweisen, sondern direkt an Realität „gekoppelt“.
  • Das Zeichen berührt gleichsam das Bezeichnete (ich spreche vom „berührenden Raum“ des Mittelalters).
  • Worte sind von Dingen zu unterscheiden (ein Wort ist kein Ding), können aber prinzipiell von Dingen nicht getrennt werden, weil sie etwas ähnlich-gleiches „sind“. Wort und Ding, Zeichen und Bezeichnetes „berühren“ einander, sie sind magisch verbunden. Sie sind teilweise „ident“ und besitzen einen gleichen „Wesens-Kern“.

(1) die Magie der Sprache

  • durch Worte verzaubern
  • Das ausgesprochene Wort bzw. die Laute als Zeichen besitzen eine „innere“ Kraft, sie wirken wie ein Heilkraut oder eine Medizin.
  • Die Wirkung eines Fluches, die Wirkung eines Gebetes
  • Das Lautzeichen besitzt reale Wirkung: „Die magische Kraft des Namens bewirkt, dass das genannte Wesen mit dem Aussprechen oder Ausrufen des Namens selbst präsent ist.“ (Gloy 1995; S. 51).
  • Die mächtigste Waffe der Kirche war (und ist) die Exkommunikation. Die Bußexkommunikation versetzt den Sünder in den Büßerstand, die schwere Exkommunikation (anathéma) schließt ihn völlig von der Gemeinschaft der Gläubigen aus. Wer von der Kirche zurückgewiesen wurde, ist wie von einem ansteckenden „Fluchstoff“ behaftet, er ist eine Gefahr für andere Menschen.

(2) die Wirkung von Bildern

  • Ein Bild müsse, so wurde gesagt, von der Person der Substanz nach unterschieden werden. Es sei allerdings – durch eine Kraft-Übertragung (hypóthasis) – nach Sinn und Bedeutung der dargestellten Person gleich.
  • Dem Bild kommt jene Kraft und Gnade (cháris) zu, die der Heilige auf Erden hatte, und jetzt im Himmel, nahe bei Gott, immer noch besitzt.
  • Bilder werden zu magischen Berührungs-Zeichen, fast wie eine Reliquie.
  • Bilder stellen eine Sache nicht nur dar, sie „sind“ diese bereits auch.
  • Gott und die Heiligen sind im Bild gleichsam anwesend. Sie laden den Ort, an dem sie aufgestellt sind, magisch auf.

(3) die Zahlenmagie

  • Zahlen sind nicht nur Zeichen für Mengen und quantitative Relationen. Sie weisen auch auf symbolische Zusammenhänge hin.
  • Wenn man Zahlen wie im griechischen oder lateinischen Zahlenalphabet durch Buchstaben darstellt, dann besitzen Worte einen Zahlenwert. Verschiedene Worte mit dem gleichen Zahlenwert sind damit zeichenmäßig verbunden: ihre „innere“ Zahl ist ein Hinweis für eine Verbindung, die es „wirklich“ gibt.

6. Stunde – Teil 1

(20.11.2012): Das Welt-Bild des frühen und hohen Mittelalters II

(Video 6-1)

3. Das Leib-Konzept

  • Kulturelle Konzepte von Objekte im Zusammenhang mit Konzepten des Subjekts
  • Leib = ein offenes Gebilde im Stoffwechsel mit der Natur
  • Das Beispiel der Hildegard von Bingen (1098-1179)
  • In ihrer Medizin können wir nicht nach endogenen und exogenen Krankheitsursachen unterscheiden.
  • Der Mensch ist qua Leib in die Natur geordnet. Der Leib bezeichnet die Natur. Denn die Schöpfung ist so eingerichtet, dass der Leib und die Natur in einem ‚physischen‘ Rapport stehen.
  • „Gefühle „sind „Atmosphären“ „außen“.
  • Der Mensch ist kein als „Gegenüber der Natur“
  • Der Körper als Zeichen : ein stummes Entziffern der Anatomie des Kosmos, die in der Medizin zur Sprache kommt.
  • Die vier Elemente bilden die compositio corporis humani.
  • Das ewig Bewegte der Natur ist der Grund für die innere und äußere Unruhe des Menschen
  • Die Elemente sind hier im Sinne der griechischen physis entwickelt: als das Wachsende und Erblühende.
  • Ihr Wort dafür ist bei Hildegard viriditas – ‚das Grün, ‚die Frische‘, treffend mit ‚Grünkraft‘ übersetzt.
  • Der Smaragd sei deshalb so wertvoll, weil er grün ist.
  • Der gesunde Leib hat viriditas.
  • Die vier Elemente in einem gesunden Leib.
  • Hildegard beschreibt eine fast symbiotische Beziehung des Menschen mit seiner Umwelt.

4. Die Lehre von den vier Elementen

  • Empedokles: das Konzept eines Dings/Gegenstand
  • alle Elemente werden zu einer Tetrade (Vierheit) zusammengefügt und in einen Prozess der Verwandlungen und des Stoffwechsels gesetzt.
  • Seither bildet die Vier-Elementenlehre für 2300 Jahre die Basis der Naturphilosophie, sowie der Medizin, Anthropologie, Landschaftsästhetik und der elementenbezogenen Techniken.
  • Ein Fühl-Konzept: Die vier Elemente besitzen vier Urqualitäten: trocken (fest), kalt, feucht (flüssig) und heiß. Jedem Element kommen zwei Urqualitäten zu.
  • Ihre inneren Spannungen münden in vier Schichten. Jedes Element bezieht seine Identität aus der Anziehung und Abstoßung der anderen.
  • Ein Sphären-Modell der 4 Elemente mit 4 natürlichen Orten.
  • Jedes Element wird von den anderen in Schach gehalten durch Sympathie und Anziehung (+) sowie Antipathie und Abstoßung (-)

5. Symbolisches Wahrnehmen

  • Die Lehre von den 4 Elementen als Ausdruck einer Fühl-Kultur, bei der visuelle Informationen weniger wichtig sind.
  • Konzept der „äußeren“ und „inneren“ Sinne
  • Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Berühren (visus, auditus, olfactus, gustus, manus) sind „äußerer“ Natur. Sie werden dem „fleischlichen“ Körper zugesprochen (sensus carnales).
  • Ihre Leistung ist allerdings beschränkt. Denn, so meint Augustinus: „Die Geheimnisse der Welt oder die Weisheit Gottes vermögen sie nicht zu erkennen„.
  • Dazu benötige man die „inneren“ Sinne bzw. den „Sinn der Seele“ (sensus animae). Sie wirken in zweifacher Richtung, zu Gott und zur direkt wahrnehmbaren Welt.
  • Von Gott empfangen sie das „göttliche Licht“. Es erhellt ihr Inneres und befähigt die Vernunft, ewige Wahrheiten zu erkennen.
  • Dieses Licht wird von einem „inneren Auge“ erfahren
  • Videre, d.h. Sehen, ist der Oberbegriff für Wahrnehmungen aller Art. Es trifft auf alle fünf Sinne zu.
  • Ob das „innere Auge“ einen speziellen „inneren Sinn“ oder ihre Gesamtheit bezeichnet, ist umstritten.
  • Im Wahrnehmen wirken „innere“ und die „äußere“ Sinne zusammen. Ohne das „innere Auge“ wären wir blind. Die Dinge berühren nur die „äußeren Sinne“, die darauf reagieren. Die „inneren Sinne“ sind nur indirekt betroffen, denn das Körperliche (eine nachgeordnete Wirklichkeit) könne nicht auf das Geistige (die eigentliche Wirklichkeit) einwirken (Copleston 1976, S. 37.).
  • Das „innere Auge“ bemerkt oder beachtet allerdings die Veränderung in den „äußeren“ Sinnen. Die Seele bildet sich daraus ein Urteil, woraus – im letzten Akt dieser Kette – das eigentliche Wahrnehmen erfolgt.
  • Diese Theorie liefert ein einfaches, abstraktes Schema des Wahrnehmens, allerdings nur in einer allgemeinen oder prinzipiellen Weise. Konkrete Wahrnehmungs-Akte werden nicht erklärt.
  • Die Theorie kann nicht sagen, welche Ergebnisse ein bestimmter Wahrnehmungs-Akt hervorbringen muss.
  • Wahrnehmen ist kein operationabler Vorgang.
  • Wahrnehmungsakte führen zu keinen „objektiven“ Resultaten.
  • Man kann sie nicht standardisiert festhalten und intersubjektiv-eindeutig weitergeben.
  • Die Welt kann nicht quantitativ-exakt erkundet werden.
  • Im berührenden Raum gibt es keine Naturgesetze im neuzeitlichen Sinn.

6. Illustration der These von der Nichtoperationalisierbarkeit des Sehens

(1) „Sachbücher“ ohne visuelle Informationen

  • Die meisten Kräuterbücher kommen bis zum 12. Jahrhundert ohne Bilder aus.
  • In vielen illuminierten Handschriften widersprechen sich – so urteilen wir – die Bild- und Textinformationen.
  • Ein- und dieselbe Abbildung findet sich in einem Buch an verschiedenen Stellen und soll laut Text Unterschiedliches illustrieren (Giesecke 1992, S. 269ff.).
  • In Pflanzenbüchern wird derselbe Holzschnitt mehrmals verwendet.
  • Offensichtlich gibt es kein standardisiertes Verfahren zur eindeutigen visuellen Erfassung der Umwelt.
  • Die Vielfalt der Dinge kann aus diesem Grunde auch nicht durch eindeutige Taxonomien erfasst werden: Man kann nicht eine Eigenschaft oder ein Ordnungssystem aus den Dingen herauslösen und sie als generell für alle Dinge verstehen.
  • Die großen Enzyklopädien des Mittelalters präsentieren sich als buntes Chaos, mit kuriosen Aneinanderreihungen, sie folgen keinem erkennbaren Muster.

(2) „Unsichtbares“ wahrnehmen?

  • Hugo von St. Victor meint im 12. Jahrhundert: „Alle sichtbaren Gegenstände sind uns vor Augen gestellt zur Bezeichnung und Erklärung der unsichtbaren Dinge, und sie belehren uns durch das Auge in symbolischer, das heißt in bildlicher Weise.
  • Kein theoretisches Verbot, „Unsichtbares“ wahrzunehmen.
  • Kulturelle Wesen: Gespenster, Kobolde, Elfen, Geister, Teufel und Dämonen
[Frage zu Logik und Magie im Mittelalter]
  • Das Zeugnis von tausenden visiones .
  • „Symbolisches“ sehen?

(3) War das periphere Sehen verbreitet?

Aaron Gurjewitsch:

  • es war nicht üblich, anderen unverwandt ins Gesicht zu blicken.
  • Die Menschen hätten ein mangelndes Erinnerungsvermögen für visuelle Bilder

6. Stunde – Teil 2

(20.11.2012): Renaissance: Schritte zur Operationalisierung einzelner Wahrnehmungsakte: Einzel-Dinge und Einzel-Menschen I

(Video 6-2)

  • Die Suche nach der sichtbaren Welt
  • Eine geometrische Sichtweise, als Vorbereitung der Philosophie von Descartes (res extensa)
  • Momente dieser Entwicklung: Geometrisierung, Messbarkeit der Welt, eine neue Art des Sehens, Konzept der Einzel-Dinge, Konzept des Individuums (die Einzel-Person)

1. Mittelalterliche Vorformen

(a) in den gotischen Kirchen

  • Individualisierungs-Momente: Die Figuren an den Außenmauern zeigen neuzeitliche Physiognomien

(b) Die „französische Renaissance des 12. Jhdts

  • Gotik
  • Neue Orden: z.B. Zisterzienser als europäischer multinationaler Konzern
[Frage zum Templerorden]
  • Frankreich als intellektuelles Zentrum
  • Neue Literaturen: Chansons, Troubadour-Lyrik

Die mittelalterlichen Minnesänger als erste Laien-Gruppe, die Literatur produziert

Ein Individualisierungs-Schub in der „Renaissance des Mittelalters“

Das Christentum wird >innerlicher<:

  • Das Christentum wurde selbstverständlich, „die triumphierende Kirche“
  • 910: Klosterreform von Cluny

Beispiele:

  • Abelaerd (V 1142) als Beispiel für „Selbsterforschung“, „Selbsterfahrung“
  • Berhard von Clairveaux ((V 1153): Selbsterfahrung als Grundlage guter Predigt:

Neue Betonung der Selbsterfahrung und Selbstbekenntnisse für das Seelenheil

  • Wandel des Sünden-Konzepts: von äußerem Handeln zu inneren Intentionen
  • Man muss Sünden jetzt auch „bereuen“ (Zeit-Aspekt)
  • Neue Psychologie: von „Impulsen“ (pondus, keine Analyse von Motiven) zu Analyse von Affekten: welcher Affekt kontrolliert das Handeln der Menschen?
  • Autobiographien

2. Der Nominalismus: die Existenz von Einzeldingen

  • Im ganzen Mittelalter Streit um die ontologische Stellung der Universalien.
  • Gott – Welt – menschliche Begriffe als Kontinuum
  • Wilhelm von Occam (Ockham), [1280/1300 ? – 1347/1349?], Franziskaner
    • Omnipotenz-Prinzip: Gott ist allmächtig und unendlich frei, er hätte die Welt auch anders erschaffen können.
    • Kontingenzprinzip: Die bestehende Welt ist „kontingent“: „Kontingent“ bezeichnet den Status von Tatsachen, deren Bestehen gegeben und weder notwendig noch unmöglich ist.
  • Der enge Zusammenhang Gott und Welt wird damit aufgebrochen.
  • Folge: Es gibt keine unmittelbar bekannte „kosmische Ordnung“, die Ordnung der Welt muss empirisch erkundet werden.
  • Ökonomie-Prinzip: das Occamsche Rasiermesser
  • Wenn die Ordnung der Welt keine (unmittelbar) göttliche ist, folgt daraus: alle Metakonstruktionen der universalistischen Philosophien sind überflüssig
  • Radikale Kritik aller Substanzbegriffe, Ausnahme: Gott und die Seele
  • Begriffe = willkürliche Zeichen, die vom menschlichen Geist frei gebildet und durch Wörter ausgedrückt werden.
  • Nominalismus: (nomen = Name)
  • Alle Allgemeinbegriffe sind gedankliche Abstraktionen.
  • Ockham vertritt eines differenzierten Nominalismus in Verbindung mit zeichentheoretischen Überlegungen.
  • Realität kommt nur den Einzeldingen zu.
  • Die Allgemeinbegriffe haben keine eigene Existenz, sondern sind nur die Summe der gedachten Dinge.
  • Nominalismus im späten Mittelalter = via moderna
  • Damit war auch eine Abkehr von der ideologischen Legitimation von Machtpositionen verbunden.

3. Perspektivisches Malen: ein neuer Realismus in der Bilder-Produktion

Giotto di Bondone (vermutlich 1266 – 1337)

  • Bilder mit räumlicher Tiefe, ein Boden für das gesamte Bild
  • Der Raum als Gerüst: ein nach vorne offener Würfel, ein einheitlicher Raum-Würfel
  • Raum als rational konstruierte Einheit
  • Bilder von Individuen
  • Trennung: Figur – Hintergrund

Eine neue Art des SEHENs ?

Ein einziger Fluchtpunkt

7. Stunde – Teil 1

(27.11.2012): Renaissance: Schritte zur Operationalisierung einzelner Wahrnehmungsakte: Einzel-Dinge und Einzel-Menschen II

(Video 7-1)

Der Wandel des Sehens

Fortsetzung 3:. Perspektivisches Malen: ein neuer Realismus in der Bilder-Produktion

  • eine neue Art der Darstellungsform
  • eine eindeutigere Art der Weitergabe von visuellen Informationen
    • [Frage zu technischen Zeichnungen]
  • eine neue Bildtheorie
  • Zusammenhang mit einem Welt-Bild
  • eine neue Art des Sehens?

Ab Beginn des 15. Jhdts: erste Kunsttheorien dazu

Filippo Brunelleschi: Experiment zwischen 1412 und 1425

Battista Alberti (1404 – 1472): della pictura 1435

  • Theorie der Perspektive als rein geometrische Theorie
  • Die Sehpyramide von Alberti
  • Die Fluchtpunktperspektive nach Alberti

Ein neues Zeichenkonzept dabei

Leonardo da Vinci (1452 – 1519): Luftperspektive, 2 Pyramiden:

Das implizite Welt-Bild beim perspektivischen Malen

Im perspektivischem Malen wird eine Welt konstruiert, die aus dem Ich, aus den Dingen und aus dem Raum besteht. Die Gesamtheit dieser Konzepte bildet eine Einheit, – eine zusammenhängende Gesamtheit aus Innen- und Außen-Konstruktion.

Die Welt erscheint hier subjektiver und objektiver zugleich:

  • Subjektiver: das individuelle Auge, das individuelle Ich wird betont. Perspektivisch gemalte Bilder binden den Betrachter an den individuellen Standpunkt des Malers. Er malt sein Bild von seinem Beobachtungsstandpunkt aus, sie wird zur „Perspektive“ der Person, die dieses Bild betrachtet. Gombrich nennt das das „Augenzeugenprinzip“ (1994, 113).
  • Subjektivität des Betrachters: eine subjektive Konstruktionsleistung beim Ansehen, das Rätsel des Ansehens perspektivisch gemalter Personen.
  • Objektiver: Betonung von gleichbleibenden Aspekten in den Dingen. Die Dinge erscheinen hier mit sich ident. Die Geometrie der Welt bekommt einen objektiven Status, ein scheinbar neutrales Mess-Netz. Raum wird als geometrischer Raum gedacht. Geometrische Proportionen geben die Welt wieder, wie sie „wirklich“ ist.

Vgl. damit die Grundkonzepte bei Descartes

4. Die Homogenisierung der Weitergabe von Wissen durch den Buchdruck

Skriptographische versus typographische Kultur

Das soziale Schlüsselereignis des 15. Jahrhunderts

(1) Zusammenhang mit Reformation

  • „Selbstlesen“ der Heiligen Schrift, Luther erklärt die „Truckerkunst“ zum letzten Geschenk Gottes, nur Schrift als Autorität, Alphabetisierungskurse durch protestantische Gemeinden, in deutscher Sprache (MA: hebräisch, griechisch und Latein als „heilige Sprachen“)
  • Der römische Zentralcomputer wird durch viele nationale Speicher ersetzt.

(2) Neue Art der Wissensvermittlung

  • Bücher lösen sich von der Person des Lehrers
  • ab 16.Jhd: Schulbücher

(3) Rationalisierung der Büro-Kommunikation

z.B. Ablassbriefe ab 1454, Ablassformulare, Beichtformulare

  • Bürokratisierung der christlichen Magie, normierte Ablaufschemata für Messen und Kalender: erhöhte Selbstreflexion und größere Kontrollmöglichkeiten

(4) Normierung des Wissens

  • MA: die Bibeln, die Standardbibel ist ein Produkt der frühen Neuzeit

(5) Standardisierung der Nachrichtensysteme

  • z.B. päpstliche Bullen

(6) Neuartiges Langzeitgedächtnis der Kultur

  • im MA gibt es keine „Originale“, griechische Schriften mindestens aus 20. Hand.

(7) Neue Form der Darstellung visueller Informationen

  • bei mir selbst betrachtet“, „abkonterfeien der Dinge
  • Hörensagen, eigene visuelle Erfahrungen als Erkenntnisquelle
  • Normierung visueller Informationen anhand der Zentralperspektive

(8) Neue >Wirklichkeits<-Festlegung

  • die Gestalt der Dinge gehört zur Natur der Dinge, MA: 4 Elemente als Berührungs-Infos, jetzt: das Aussehen ist das Wissen.

(9) Neue Bezugsgruppe für >Wirklichkeits<-Informationen

  • Laien und Nichtgelehrte, Wiedererkennen von Orten, Tieren, Pflanzen, … aufgrund des bloßen Augenscheins ohne weitere Hilfe durch Experten, Zugang zu Wissen für alle.
  • Jetzt kann man technisches Wissen in symbolischer Form, losgelöst von Institutionen und Experten erwerben: Selbst-Studium, Selbst-Lernen.

(10) Neues Koordinatensystem für Wissen

  • Erfindung des richtigen Titelblattes: Informationen bekommen eine Entstehungsadresse
  • Ein neues Koordinatensystem: Autor, Titel, Erscheinungsjahr
  • eindeutige Lokalisierung jedes Buches in diesem Koordinatensystem.

(11) Neues Kriterium für Produktion von Wissen

  • Kriterium der „Neuheit“, nur neuartige, aktuelle Infos als Bücher, Abstraktionsleistung, Fortschrittsimpuls
  • Zukunftsperspektive: der Prozess der Wissensproduktion ist nach vorne offen.

(12) Neue Standardsprachen

  • Standardisierung der Volkssprachen
  • von Kommunikations- zur Sprachgemeinschaft

(13) Regulierung der Wahrnehmungsakte

  • Wahrnehmungen so regulieren, dass sie intersubjektiv wiederholbar und überprüfbar werden
  • Operationalisierung der Wahrnehmung
  • neue soziale Standardisierung der Wahrnehmung.

(14) Neue Dominanz des Sehens

  • mündliche Informationen verlieren an Bedeutung
  • die „inneren Sinne“ des Mittelalters verlieren an Bedeutung
  • visuelle Wahrnehmungen so modellieren, dass sie simulationsfähig wurde.
  • >Realität< durch scharfe >Außen<-Beobachtung [fokusiertes „Sehen“]
  • Der einzelne Mensch wird zum Subjekt des Erkennens:
  • Subjektivismus, Konstruktivismus (früher Aspekte Gottes!)

(15) Neues selbstreferentielles Sehen

  • Theorie des „richtigen“ Sehens im Einklang mit der Zentralperspektive
  • neue Wahrnehmungstheorien, Modelle der camera obscura
  • Sichtbar eindeutig gemachte >Dinge< entstehen.
  • Die Natur wird mehr und mehr in die Sprache der Geometrie gekleidet.

5. Individualisierungstendenzen in der Renaissance und der Reformation

Grundthese:  Einzel-Dinge und Einzel-Menschen (Individuen)

Renaissance

das autonome Künstler-Ich

Easmus von Rotterdam (1466-1536)

  • Selbstreflexion in Briefen

Geronimo Cardano (1501-1576)

  • Autobiographie, Versuch, sein Ich wissenschaftlich-rational zu deuten, strenge Selbstanalyse

Michel de Montaigne (1533-1592)

  • Essays über seine Person, seine Empfindungen und Erfahrungen, Schreiben als Mittel der Selbsterkundung: „Ich bin es, den ich darstelle

Theresa von Avila (1515-1582)

  • Mystikerin, psychologisches Selbstporträt

Porträtkünstler im 15. Jahrhundert:

  • Botticelli, van Eyck, Piero della Francesco, Leonardo da Vinci

Große Zahl an Porträts im 16. Jhdt.:

  • das Individuum als zentrales Motiv der Malerei
  • Von jeder bekannten Person gibt es in diesem Jahrhundert ein Porträt

Die Porträts zeigen Idealbilder: „tugendhafte“ Menschen in ihrem sozialem Stand

Selbst-Porträt von Dürer (1471-1528)

  • Selbstbildnis im Pelzrock 1500: die Christus-Ähnlichkeit des Menschen

Reformation

  • als neuer Individualisierungsschub: ein individualisiertes Christentum
  • Der Einzelne kann zu Gott eine individuelle Beziehung eingehen,
  • Die Vermittlung durch den Priester wird weniger wichtig
  • Teilweise Aufhebung des theologisch-klerikalen Sphären-Systems
  • Jeder Gläubige ist Gott nur vor seinem individuellen Gewissen verantwortlich
  • Idee der Eigenverantwortlichkeit
  • Idee der Gewissensfreiheit
  • Idee der Selbstkontrolle
  • Kritik der magischen Praktiken der Kirche (keine Kritik des Hexenglaubens)

Martin Luther (1483 – 1546)

  • als selbstbestimmtes Individuum
  • andauernde Selbstreflexion
  • seine Theologie reflektiert eigene Erfahrungen
  • dauernde Berufung auf das eigene Gewissen

6. Exkurs: wie kulturell „Fakten“ produziert werden

„Fakten“ bei Aristoteles

  • Wissen kommt nicht aus Einzelbeobachtungen, vor allen nicht durch eine einzelne Person.
  • Die Sinne sind nur mit Einzelphänomenen beschäftigt.
  • „Wissen“ = Erkennen des Allgemeinen
  • Nur eine allgemeine Erfahrung zählt: was immer oder meistens eintrifft.

Antike „Fakten“ sind empirischer Natur, getrennt von „Theorie“.

Einzelne Erfahrungen können Wissen nur illustrieren.

Sie können (aber müssen nicht) Evidenz produzieren.

Einzelne Erfahrungen sind nicht per se evident.

Nur jene „Fakten“ werden gesammelt und festgehalten, die mit dem „Wissen“ konform gehen.

Francis Bacon (1561 – 1626)

Philosoph und Politiker

  • De dignitate et augmentis scientiarum (erschienen 1623): ein erster Versuch einer Universalenzyklopädie
  • „Novum organon scientiarum“ (1620): eine Methodenlehre der Wissenschaften
  • Nova Atlantis (um 1641): eine Utopie

gilt als Vater des (neueren) Empirismus.

Ausgangspunkt von Wissen sind empirische Erfahrungen = Sinnes-Erfahrungen, inklusive dem Einsatz von wissenschaftlichen Instrumenten.

Später wird daraus das Programm einer Messbarkeit der Welt und das Konzept von Naturgesetzen.

Natura vexata: Erkenntnisse aus Experimenten

Induktive Methodik (inducere = hinführen): vom allgemeinen zum besonderen

(Gegenteile sind deduktive Methode und Rationalismus)

Das Induktionsproblem als Grundproblem des Empirismus

  • wie können aus Einzelbeobachtungen allgemein gültige Erkenntnisse gewonnen werden (z.B. Naturgesetze als Allaussagen)?

„Wissen ist Macht“

ein neues Konzept von Wissen

Das Ende der Zahlenmagie

7. Stunde – Teil 2

(27.11.2012): Das mechanistische Welt-Bild I

(Video 7-2)

Rene Descartes (1596 – 1650)

  • 1624 Traitè de l’homme
  • 1637 Discours de la méthode (mit „Geometrie“ und „Dioptrique
  • 1641 Meditationes de prima philosophia

gilt als Begründer der neuzeitlichen Philosophie

Endpunkt einer langen kulturellen Entwicklung

1. Der Descartes’sche Zweifel (in Meditationes)

  • Descartes unternimmt eine radikale Kritik bisheriger Sichtweisen.
  • Er stellt sich die prinzipielle Frage, wie man zu Erkenntnis und Wahrheit kommen könnte
  • Er bezieht seinen Zweifel auch auf sich selbst: man könne aus guten Gründen an den Inhalten des eigenen Denkens und sogar an seiner sinnlichen Wahrnehmung zweifeln.
  • Wenn ich aber zweifle, so kann ich selbst dann, wenn ich mich täusche, nicht daran zweifeln, dass ich zweifle: „Da es ja immer noch ich bin, der zweifelt, kann ich an diesem Ich, selbst wenn es träumt oder phantasiert, selber nicht mehr zweifeln.
  • Er zieht folgenden Schluss: à Existenz als Denkender à Eigenexistenz: Cogito, ergo sum („Ich denke, also bin ich“) à Ich bin ein urteilendes, denkendes Ding: res cogitans.

Der individuelle selbstreflektierende und selbstbezogene „Innen-Raum“ als Basis.

Grundvoraussetzung der Existenz eines individuellen „Ich“.

2. Exkurs: Die Rolle Gottes bei Descartes

Die Ich-Position von Descartes führt über Gott zu einer klaren Außen-Position

3. Strenger Dualismus:

Die Realität besteht nach Descartes aus zwei qualitativ unterschiedenen Teilen (plus: Gott)

 

Res cogitansDie denkende Substanz
(nicht messbar)
Res extensaDie ausgedehnte Substanz (messbar: Koordinatensystem)
Das unendliche Sein der Seele Das endliche Sein der Körper-Welt
Bewusstsein = Denken Materie = Ausdehnung (kein leerer Raum)

 

8. Stunde

(4.12.2012): Das mechanistische Welt-Bild II

(Video 8)

3. Strenger Dualismus (Fortsetzung)

Mit Descartes wird beiseite geschoben:

  • alle frühere Formen von qualitativen Unterschieden
  • alle Analogien von Mensch und Natur, wie Korrespondenzen oder Signaturen
  • animistische, beseelte und organische Sichtweisen von Natur
    • bei Kepler erfolgt der Übergang von einem Seelen- (anima) zu einem Kraft-Konzept (vis) für die Planeten
  • Gefühle der Natur. Gefühle werden jetzt rein subjektiv-seelisch verstanden.
  • die Zweckhaftigkeit der Natur. Die Ordnung der Natur ist nicht vorgegeben, sie muss empirisch erkundigt werden.

Grundrätsel der Dualität bei Descartes

  • Die Aprioris
  • Wie hängen die zwei Substanzen zusammen?
    • Parallelismus?
    • Okkasionismus: der dauernde Eingriff Gottes
    • Nur Geist = Idealismus
    • Nur Materie = Materialismus

Die Cartesianische Grund-Dualität ist die Grundlage vieler traditioneller Gegensatzpaare, die das wissenschaftliche wie als auch das Alltags-Denken heute noch beherrschen:

Beispiele sind: „Natur“ versus „Kultur“, „Natur“ versus „Geist“, „Sinnlichkeit“ versus „Vernunft“, „Körper“ versus „Geist“, „Leib“ versus „Seele“, usw.

In den Kulturwissenschaften werden diese Dualitäten grundsätzlich in Frage gestellt. Das Ziel sind Ansätze, die ohne diese Dualitäten auskommen.

4. Descartes’ Bild des Menschen

  • Der Mensch ist bei Descartes ein Zwitterwesen mit Seele und Körper.
  • Das traditionelle Leib-Seele-Problem (z.B. im Christentum: der sterbliche Leib ßà die unsterbliche Seele) wird bei ihm zu einem Körper-Geist-Problem.
  • Descartes konstruiert damit ein Grundrätsel: Körper und Geist haben für ihn nichts miteinander gemein (sie sind qualitativ verschieden), sie stehen auch nicht in einer Wechselbeziehung. Aber wie wird der Mensch zur Einheit?
  • Descartes „verbindet“ seine beiden Substanzen in den „Spiritus animales“ von Nerven, die zugleich Korpuskel und Geister sind. Der Sitz der Seele ist die Zirbeldrüse.
  • Ihre Funktionen sind:
  1. Sie ist Mittlerin zwischen Körper und Geist
  2. Sie ist Verbindungs- und Koordinationsstelle von Sensorik und Motorik: von der Zirbeldrüse werden über einen Zug- und Druckmechanismus die Befehle der Seele weitergeleitet.

5. Wahrnehmung bei Descartes

  • Descartes muss nun Wahrnehmung in diesem Welt-Bild „erklären“. Es geht um eine Interaktion von „Außen-Realität“ (res extensa) mit der „Innen-Welt“ (res cogitans).
  • Die Sinnesorgane als Mechanismen, eine mechanische Übertragung durch die Nerven
  • Am Beispiel des Sehens:
    • Die Augen sind wie eine Camera Obscura: Lichtstrahlen erzeugen ein Abbild (optische Wahrnehmung durch korpuskulare Übertragung)
    • Korpuskelbewegungen –>Sinne  Z–> Zirbeldrüse: Muster physiologischer Aktivität –> Zirbeldrüse: Willensakt –> Befehl an Hand (Zeigefinger)
    • Das Sehen eines Gegenstandes ist wie die Gegenstandswahrnehmung durch Blinde, die über einen Taststock „gleichsam mit den Händen sehen“
  • Descartes begründet damit die neuzeitlichen Abbildtheorien des Geistes bzw. die Repräsentationstheorien
  • Damit wird ein einzelner Wahrnehmungsakt (im Prinzip) operationalisierbar.
  • Die „inneren“ Sinne werden nicht mehr gebraucht.
  • Damit wird die Natur entgeistert und entzaubert.

6. Ein neues Konzept von (philosophischen und physikalischen) Objekten

  • Physische Gegenstände (Körper) sind für ihn ausgedehnt (extensa) und bestehen aus einem Kontinuum aus unendlich teilbaren Korpuskeln (Korpuskulartheorie der Materie).
  • Objekte werden damit zu Mess-Objekten. Sie machen den Raum.
  • Gleichzeitig wird das Cartesianische Koordinaten-System möglich: ein 3-dimensionaler Mess-Raum mit einem gleichartigen (= homogenen) Raum, ohne ausgezeichnete Bereiche (= isotrop).

7. Der menschliche Körper als Objekt

  • Der Mensch in seiner Eigenschaft als Res Extensa: Der mittelalterliche vital beseelte Leib (mittelhochdeutsch lîp) wird zum reinen Materie-„Körper“ (corpus = Leiche)

8. Die analytische Geometrie

  • der mathematische Raum (der Denk-Raum der Mathematiker) ist isomorph zum geometrischen Raum (der physische gemessene Raum)
  • Damit ist der wechselseitige Übergang von Analysis (z.B. Formeln, Gleichungen, Funktionen, Ableitungen, …) zu Geometrie (z.B. die geometrische Darstellung von Funktionen durch Graphen) möglich.
  • Es können z.B. geometrische Punkt-Wolken (als Ergebnisse von empirischen Messungen) im Hinblick auf ihre impliziten funktionellen Zusammenhänge befragt werden à und daraus „Naturgesetze“ abgeleitet werden.
  • Mathematik als die ausgezeichnete Methode: mathematesis universale

9. Methodik bei Descartes

Neue Methoden der Naturwissenschaften:

  • Erfindung der Erfindung: dynamische Metaregeln für die Operationalisierung der Welt
  • Neue Standards der Realitäts-Produktion: Reduktionismus, Messen, Falsifikation
  • Konzept der Mathematisierung der Wissenschaften:   mathematesis universale

Mit all dem wurde ein neuer konzeptioneller Rahmen für die Erforschung der Welt geschaffen. Das Ziel der Naturwissenschaften ist jetzt die Ableitung („Entdeckung“) von Naturgesetzen.

10. Das mechanistische Welt-Bild: das Bild von der Maschine

  • Descartes ist der Begründer des (neuzeitlichen) mechanistischen Welt-Bildes: das große Welt-Bild der Moderne.
  • Die Welt wird hier als Maschine verstanden/definiert/analysiert/untersucht …
  • Die Grundzüge dieses Welt-Bildes kann am einfachsten durch einen Vergleich mit dem Konzept einer Maschine erklärt werden.
  • Was ist eine Maschine?

Wie würden Sie eine Maschine definieren? Denken Sie darüber nach, bevor Sie weiterlesen.

Das mechanistische Welt-Bild bedeutet (sehr vereinfacht): Das Konzept/Bild der Maschine wird auf „alles“ übertragen:

D.h.: die Welt in ihrer Gesamtheit ist eine Maschine und/oder ist wie eine Maschine und/oder muss wie eine Maschine erforscht werden.

Aspekte einer Maschine Aspekte des mechanistischen Welt-Bildes
1 * Eine Maschine besteht aus Einzelteilen Ontologische Voraussetzung1* a) Die Natur besteht aus diskreten Teilchen: Atomismus
2 * Die Einzelteile sind miteinander funktional verbundenKausalität: Jede Bewegung hat eine UrsacheEine Maschine ist tot, passiv, träge, ohne eigenen Wert 2 * b)  Die Teilchen sind verknüpft durch KasualzusammenhängeKausalitätMaterie ist tot, passiv, träge, ohne eigenen Wert
3 * Die Verknüpfungen sind logisch beschreibbar. Eine Maschine hat einen Bauplan: Mathematik, Ordnung und RegelmäßigkeitDeterminismus: Jede Bewegung ist berechenbar 3 * Prinzip der Identität– für Realität:   Identität der Teile durch Veränderung hindurch- für Modell: Satz der Identität (1. Grundprinzip der Logik)Naturgesetze, Mathematik, Ordnung und RegelmäßigkeitDeterminismus
4 * Eine Maschine ist getrennt von „Anderem“ (andere Maschinen / „Beobachter“)Manipulation, Macht, Erforschung „von außen“, Kontextunabhängigkeit 4 * Voraussetzung der KontextunabhängigkeitDualismus: Subjekt und Objekt sind getrenntMacht-Aspekt: „Wissen ist Macht“
5 * Jeder Teil kann getrennt analysiert werden. 5 * Methodische Voraussetzung: Reduktionismus
6 * Eine Maschine kann durch diskrete Daten erforscht werden. Alle Aspekte des Bauplans sind quantitativer Art und messbar.Diese (Sinnes-)Daten sind Mess-Daten.Diese Daten sind atomistisch (diskret).Dabei interessieren nicht konkrete sinnliche Qualitäts-Erlebnisse/-Erfahrungen 6 * Erkenntnistheoretische Voraussetzung: Sinnesdaten sind diskretAlle Aspekte der Natur sind quantitativer Art und messbar.Sinnes-Daten sind Mess-Daten.Dabei interessieren nicht konkrete sinnliche Qualitäts-Erlebnisse/-Erfahrungen (Sinnliche Erfahrungen sind nur sensations)

9. Stunde

(11.12.2012): Welt-Bilder der Aufklärung

(Video 9)

1. Überblick über den bisherigen Gedankengang in der Vorlesung

Ziel: eine Einführung zu einer Kulturgeschichte der Wahrnehmung, verbunden mit Konzepten des Bewusstseins und des Geistes

    • Wahrnehmung der Götter
    • Keine Begriffe für die Wahrnehmung eigener „Innen-Welten“
    • Personen von „außen“ definiert, z.B. durch Sippe
    • Dynamisch-flackernde Kategorien
    • Zusammenhang mit Zuständen?: Energieschübe, Gefühlseinbrüche
    • Keine Verantwortung, keine Schuld, kein Gewissen
  • Odyssee
    • Odysseus: ein Simulationsraum, Täuschungen kollektiv geteilt
    • Ilias
  • Vorsokratische Philosophien
    • „Außen“: ein System („Das Sein“, kósmos, tó théion) ßà „innen“ ein Raum (die Seele)
    • Dynamisch fließende Konzepte (z.B. Welt aus Wasser oder Luft)
    • Fließende Sinne: Poren-Konzepte
    • Ekstatische Zustände, Erleben intensiver Atmosphären
    • Das Ge-Wissen
    • Als Meta-Instanz in und über die Inhalte der „Innen-Welt“
  • Sokrates
    • daímonion, von Apollo verliehen
    • eine innere Stimme: autorativ, inspirativ und reflexiv
  • Plato
    • ein Innen-Raum und eine Ordnung außen
    • Die vernünftige Seele (als praktische Aufgabe), Seele-Leib-Problem
    • Die vernünftige Welt-Seele
    • Die ausgezeichnete Rolle der Vernunft
  • Philo von Alexandria
    • Eine erste „Theorie“ des Bewusstseins
    • Das Gewissen als Ankläger, Richter und Zeuge
  • Paulus von Tarsus
    • Bewusstsein (syneidos, sinéidesis) als innere Eineit, nur der Person selbst bewusst
  • Augustinus
    • Der erste Theoretiker des „Innen-Raums“: Gewissheit und Wahrheit findet sich im „Inneren“ des Menschen
    • Gott als reiner Geist
    • Gott als Vernunft
    • Die personale Seele im Kontakt mit Gott
[Frage zur Seele bei Augustinus]

2. Exkurse: Allgemeine Bemerkungen zur Kulturgeschichte

1. Was ist eine Kulturgeschichte Gottes?

2. Anmerkungen zu der Art von Kulturgeschichte, die hier vorgestellt wird

  • Musterbildung als wissenschaftliche Erfindung
  • Wie wird die Differenz zwischen den Mustern interpretiert? Eine Warnung vor Geschichtsphilosophien und Geschichtsdeterminismen

3. Exkurs: „die“ Geschichte als neues Konzept in der Mitte des 18. Jahrhunderts in Verbindung mit dem Konzept „des“ Fortschritts

4. Noch eine Bemerkung: Kulturgeschichte kann man immer nur von einem bestimmten Standpunkt aus machen.

3. Die Verknüpfung von Freiheit, Vernunft und Moral in der Renaissance des Mittelalters

1. Vorformen in der Renaissance des Mittelalters

  • ein „verinnerlichteres“ Christentum
  • In der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts wird im Rahmen der Christologie zum ersten Mal eine Metaphysik menschlicher Freiheit (auf der Basis einer Ontologie des moralischen Seins) formuliert.
  • Alexander von Hales (1185-1245): Christus besitzt drei Seinsweisen:
  • subjectum: Christus in seinem „natürlichen Sein“ (esse naturale), die Ordnung der Natur
  • individuum: Christus in seinem „vernunfthaftem Sein“ (esse rationale), die Ordnung des Vernünftigen
  • persona: Christus in seinem „moralischen Sein“ à Ordnung des Moralischen, esse morale.
  • Die „Person“ besitzt die „Seinsweise“ eines „moralischen Dings“ à ihr kommt Freiheit zu à sie besitzt „Würde“.
  • Gibt es ein Konzept von „Menschenrechten“ im Mittelalter?

2. Naturrechtslehren

  • Argumente mit „der Natur des Menschen“
  • „Der“ Mensch ist moralisch und vernünftig. Deswegen kommen ihm Rechte zu.

Das Beispiel von Samuel (von) Pufendorf (1632 -1694):

  • De iure naturae et gentium“ 1672
  • kleidet die scholastische Lehre vom ens morale in ein neuzeitliches Gewand
  • gilt als Begründer der neuzeitlichen Naturrechtslehre
  • Rekurs auf Descartes und Hobbes

Exkurs: Thomas Hobbes (1588-1679): Leviathan 1651

o   die Begründung der neuzeitlichen Theorie des Staates
o   die erste große Sozialphilosophie der Neuzeit
o   eine erste Anwendung der Philosophie von Descartes auf gesellschaftliche Fragen
o   „Natur“ des Menschen: Kampf aller gegen alle, Krieg aller gegen alle
o   Um „Naturzustand“ zu beenden, gehen Menschen Verträge ein à Staatsvertrag der Individuen begründet den Leviathan (als absolutistischen Staat)
o   Aus Freiheitsrechten der Individuen durch Vernunft zum Staat
o   Der Staat fußt auf Individuen, nicht auf göttlichem Gebot.
o   Vernunft ist hier instrumentelle Vernunft

Die Philosophie ruht bei Pufendorf auf einem festen Fundament: der Mensch als moralisches Menschen

Person – Vernunft – Moral

[Frage zum Vernunft-Begriff:

  • inhaltliche und instrumentelle Vernunft,
  • das Konzept des Homo eoconomicus
  • kann Vernunft die „Triebe“ transzendieren?]
[Frage zum latenten Materialismus bzw. Atheismus bei Hobbes]

4. Die Epoche der Vernunft: die Zeit der Aufklärung

  • Nach Descartes wird die Vernunft universell für alle Wissensbereiche
  • Folge: der Mensch wird als vernünftiges Wesen (Person) gedacht
  • Folge: Die vernünftige Natur des Menschen fundiert das politische Programm des Bürgertums gegen den Feudaladel.
  • Welt-Bild und Menschen-Bild  und Gesellschafts-Bild (Politik)
  • Verknüpfung mit Gottes-Bild: Deismus (Theismus)
  • Gott ist transzendent, in Ferne zur Welt und greift nicht in das Weltgeschehen ein.
  • Gott als Schöpfer der Welt
  • Die Welt als Maschine, gelenkt von Naturgesetzen
  • Skepsis zu „Wunder“

5. Naturtheologie

  • Die Welt ist das Produkt des Design Gottes. Dieser Plan fundiert eine Ordnung. Die erkennbare Ordnung der Welt ist ein direktes Resultat des Design Gottes.
  • Naturgesetze sind moralische Kommandos eines wohlwollenden Gottes an die Natur. Die Natur besitzt in dieser Hinsicht moralische Qualitäten.
  • Der wahre Glaube ist praktischer Natur.

6. Exkurs: Die schottische Moralphilosophie

  • Anthony Ashley Cooper
  • Francis Hutcheson: Die Menschen besitzen einen „Moralsinn“
  • Adam Smith (1723-1790) als Moralphilosoph (Theory of Moral Sentiments 1759) und als Theoretiker des Kapitalismus (The Wealth of Nations 1776): Die commerce society als die moralischste Gesellschaftsform der Geschichte

7. Politische Beispiele

(a) Niederlande, nach Unabhängigkeit von Spanien (endgültig 1648)

  • „Republik der 7 Vereinigten Niederlande“ als radikal dezentralisierter Staat
  • Religiöse Toleranz und weitreichende Pressefreiheit
  • Ein funktionierendes Rechtssystem, welches auf der Herrschaft des Rechts und Heiligkeit von Besitz und Verträgen beruht

(b) England

  • •„Glorreiche Revolution“ 1688 à Bills of Rights
  • die Levellers als erste liberale Gruppe

(c) Geschichte der Menschenrechte

  • 1791 Bills of Rights
  • 1789 Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte in der französischen Revolution
  • 1948: Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der UNO

10. Stunde

(8.1.2013): Das Welt-Bild der deutschen Romantik I

(Video 10)

1. Wiederholung: die “Innen-Außen-Unterscheidung” im Gang der Vorlesung bisher

  • Ilias
  • Vorsokratische Philosophen und griechische Klassiker
  • Christentum
  • Mittelalter
  • Renaissance
  • Mechanistisches Welt-Bild bei D

2. Zwei grundlegenden Ideen der Romantik

  • Ein abgrundtiefes Inneres
  • Eine strukturlose Außen-Welt, ausgestattet mit Unendlichkeit

3. Der Begriff Romantik

  • Von Romantikern selbst verwendet
  • 17.Jhdt: >romantic< = Roman, insbes. der von Phantasie, Naturgefühl, Sehnsucht getragene Roman
  • 1801: August Wilhelm Schlegel
  • >romantisch< als Abgrenzungs- und Protest-Begriff zu >klassisch<, gegen das „herrschende“ klassische Welt-Gefühl

Romantik als

  • Protestbewegung gegen die Aufklärung
  • Eine Weiterentwicklung der Idee des autonomen Individuums

Romantik im engeren Sinne (in der Literatur), Einteilungen: Früh-, Hoch- und Spätromantik

  • Wilhelm Karl Grimm [1786-1859]: „Kinder- und Hausmärchen“, 1. Band 1812, „Deutsche Sagen“, 2. Teil 1818
  • Adalbert von Chamisso [1781-1841], Ludwig Uhland, Wilhelm Hauff

Romantik im weiteren Sinne als geistesgeschichtliche Bewegung

  • Malerei:
    • Caspar David Friedrich [1774 – 1840], Philipp Otto Runge [1777-1810]
    • Karl Friedrich Schinkel [1781-1841]
    • Die Nazarener, Constable, Turner, Delacroix
  • Die „klassische“ Musik: Mozart, Haydn, Gluck, Beethoven, Brahms, Grieg, Bruckner, Mahler, Mendelssohn-Bartholdy, R. Strauss, C.M. von Weber, R. Wagner
  • Philosophie
    • Schelling [1775-1854]: „Von der Weltseele, eine Hypothese der höheren Physik zur Erklärung des allgemeinen Organismus 1798
    • Fichte, Novalis, Friedrich Schleiermacher [1768-1834]
    • Hardenberg (1772 – 1801). Er nannte sich Novalis (= „Brachland“, „Brachfeld“): „Die Lehrlinge zu Saiis“ 1798, Symbol der „blauen Blume

4. Die Grundidee: die Idee eines „tiefen Inneren“

Die Romantik versteht sich als Protestbewegung, gegen

  • rationale Kultur
  • Planung und Kontrolle des Lebens
  • Mechanisierung des Denkens
  • Abendländische Logos-Philosophie
  • Verstandeskultur
  • den analysierenden und synthetisierenden Verstand

Die Romantik als Kritik des Maschinen-Bildes von Descartes

Die Romantik als Fortführung von Descartes Konzept des „Inneres“

  • Empfindungen bzw. Gefühle werden in das subjektive Innere verlagert
  • eine neue Sensibilisierung (in Praxis): Programme der sensibility

Das Innere des Menschen ist unendlich tief.

Hegel über die Romantiker: Vorlesungen über die Ästhetik, ab 1832: „Der wahre Inhalt des Romantischen ist die absolute Innerlichkeit, die entsprechende Form die geistige Subjektivität“.

Das Individuum wird in der Romantik mit einer geheimnisvollen Tiefe ausgestaltet.

Novalis “Blüthenstab (1797-1798): „Die Phantasie setzt die künftige Welt entw[eder] in die Höhe, oder in die Tiefe, oder in der Metempsychose, zu uns. Wir träumen von Reisen durch das Weltall – Ist denn das Weltall nicht in uns? Die Tiefen unseres Geistes kennen wir nicht – Nach Innen geht das Geheimnisvolle ihren Weg. In uns, oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten – die Vergangenheit und Zukunft. Die Außenwelt ist die Schattenwelt – Sie wirft ihren Schatten in das Lichtreich. Jetzt scheints uns freilich innerlich so dunkel, einsam, gestaltlos – Aber wie ganz anders wird es uns dünken – wenn diese Verfinsterung vorbei, und der Schattenkörper hinweggerückt ist – Wir werden mehr genießen als je, denn unser Geist hat entbehrt.“  (Rub 8030, S. 8)

Das „Innere“ des Menschen ist

  • abgrundtief
  • Dort lauert eine geheimnisvolle, leidenschaftliche Kraft. Sie ist gefährlich und zieht an. Man kann dabei wahnsinnig werden, sich in der Tiefe verlieren, aber diese Tiefe verkörpert das eigentlich Reizvolle am Leben.
[Frage zu “Sturm und Drang”] [Frage zu “Genie und Wahnsinn”] [Frage zum “postmodernen Subjekt”]

5. Folgewirkungen der Romantik

Aus der Grundiee des „tiefen Inneren“ entstehen neue Konzepte von:

  • Liebe zwischen Mann und Frau,
  • Kindes-Liebe,
  • Ehe,
  • Öffentlichkeit und Privatheit,
  • Intimität,
  • Spontaneität,
  • Einfühlungsvermögen,
  • Sexualität,
  • Freundschaft,
  • Genie: Ein Genie kann in das tiefe Innere sehen und leidenschaftliche Gefühle für „das Erhabene“ wecken (wie Dichter oder Musiker)

Nietzsche: der „Übermensch“ kann das Chaos der Leidenschaften integrieren, indem er ihm in seinem Lebenswerk kreativen Ausdruck verleiht.

6. Die romantische Natur

  • Die Natur ist für die Romantik kein geordnetes Ganzes.
  • Systeme zerfallen in Teile.
  • Das Gefühl der Formosigkeit der Natur
  • Kritik am mechanistischen Natur-Begriff
  • August Wilhelm Schlegel (Allgemeine Übersicht des gegenwärtigen Zustands der deutsche Literatur): Attacke auf den „in lauter Endlichkeiten befangenen Verstand“ der Aufklärer, die im Zeichen des „krassesten Epikuräismus“ nur von Nützlichkeitserwägungen ausgegangen seien und überall ein „ökonomisches Prinzip“ zugrunde gelegt hätten.
  • Die Welt wird weder als Maschine noch funktionalistisch verstanden.
  • Die Natur muss organologisch gedeutet werden.
  • Die Natur muss – so die führenden Romantiker – wiederverzaubert werden. Dazu soll der Sinn für Wunder und Geheimnisse wiederbelebt werden.
  • Novalis in einem seiner Notizbücher:„Die Welt muss romantisiert werden. So findet man den ursprünglichen Sinn wieder.“ Romantisierung ist „eine qualitative Potenzierung. Das niedrige Selbst wird mit einem besseren Selbst in dieser Operation identifiziert“.
  • Ein sentimentaler Zugang zur Natur: Naturgefühl, Naturempfinden, Naturschwärmerei, …

Themen:

  • Eine Unendlichkeitssehnsucht

o   z.B. der freie Blick in den Naturbildern von Caspar David Friedrich

  • Eine zur Gänze mit Gefühl versehenen Natur, auch der Steine und der Elemente

Ein „atmosphärisches“ Konzept

Unendlichkeit

  • als immanentes Merkmal der Wirklichkeit: als unendlicher Bildungs- und Gestaltungsprozess der Natur, der immer neue Formen hervortreibt, ad infinitum. Keine Form ist endgültig. Die Wirklichkeit bildet eine unendliche Kette von Gestalten.
[Frage zu Goethe]
  • als transzendentes Merkmal der Wirklichkeit: das Endliche der Natur weist über sich hinaus, in das Unendliche. In dieser Ferne liegt das letzte Ziel jeglichen Sehnens und Strebens (die „blaue Blume“ in Novalis’ Roman Heinrich von Ofterdingen, als Symbol der Romantik).

Metaphysiken dabei:

  • pantheistisch: die Natur ist mit dem Göttlichen ident. Das beseelende Prinzip der Natur ist ihr immanent (Schelling, Hölderlin, Novalis)
  • theistische: die Natur ist vom Göttlichen getrennt und verschieden. Das beseelende Prinzip der Natur ist ihr emanent (Schleiermacher)

Das Beispiel des Pietismus

  • Friedrich Schleiermacher 1799 „Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern“:  Das Wesen der Religion liegt nicht im Denken noch im Handeln, sondern in „Anschauung und Gefühl

Der Grundgedanke einer alles verbindenden Liebe, für Menschen und auch für die Natur. Die Liebe als Erkenntniszugang: sie dringt in das Innere der Natur (Novalis Die Lehrlinge zu Sais)

Der Wald als wiederkehrendes Motiv

Die deutsche Eiche als Symbol der romantischen Naturauffassung.

Das eigentlich Revolutionäre der romantischen Naturauffassung ist ihr „subjektiver“ Zugang zur Natur. Dieser wird in der emotionalen Sphäre gesucht: in Gefühl, Stimmung. Empfindung, …

Liebe

  • als Trieb, intentional strukturiert, auf ein Objekt gerichtet, das zu dem meinigen gemacht werden soll, eine egozentrische Liebe.
  • als Anerkennung des Anderen, das Seinlassen, ein hingebungsvoller Selbstverzicht, eine altruistische Liebe.

Die Natur ist durch Liebe verbunden, einschließlich des Menschen.

Die fatale Subjekt-Objekt-Spaltung (auch die von Mensch und Natur) aus dem logozentrischen Denken soll damit aufgehoben werden.

Die Natur als „Du“:  „Wird nicht der Fels ein eigentümliches Du, eben wenn ich ihn anrede? Und was bin ich anders, als der Strom, wenn ich wehmütig in seine Wellen hinabschaue, und die Gedanken in seinem Gleiten verliere?“ (Novalis)

Liebe ist das alles beherrschende Grundprinzip, eine ontologische-epistemologische Grundkategorie der Romantik.

  • Einheit im Sinne von Vereinigung, Verschmelzung
  • Identität im Sinne von Identifizierung

7. Der romantische Mensch

Der Mensch besitzt angeborene Eigenschaften, als „natürliche Instinkte“:

  • Phantasie: als höchster Besitz, gegen Vernunft und gegen „Sinneserfahrung
  • Sehnsucht
  • Schmerz

Edward Munich „Der Schrei“: die Qual einer weit entfernten inneren Quelle

  • Zeitlichkeit: als subjektives Erleben, Abwertung der linear messbaren Zeit

auch: mystische, unbegrenzte Zeit, Erfahrungen von Zeitlosigkeit

  • Moral: „innere moralische Neigungen“
  • das Mysteriöse: Seancen, spirituelle Medien (Freud als später Romantiker)
  • Das Böse: Baudelaire, E.A. Poe

8. Exkurs: Ästhetik bei Friedrich Schiller

1795 „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“:

Die Aufklärung ist reine „Verstandesaufklärung“ ohne moralische Aufklärung. Das „Verstandesvermögen“ der aufklärerischen Denker und das „analytische Vermögen“ des Geschäftsmannes haben sich parallel entwickelt und formen die „Wertbasis“ der bürgerlichen Gesellschaft.
Der „rational-verstandesmäßigen Sphäre“ steht die „sinnlich-emotionale Sphäre“ gegenüber. Nur hier ist die „ästhetische Erfahrung“ möglich, die höchste Erfahrung des Menschen. Sie vereint seine Doppelnatur.

Der Mensch ist nämlich zweierlei:

  • Mensch als Zustand: als Teil der Natur, als Natur-Ding, unterworfen den Naturgesetzen, eine endliche, empirische Natur
  • Mensch als Person: als geistiges Wesen, das sich selbst seine Gesetze geben kann, eine ewige, intelligible Natur.

Er wird von zwei Trieben geleitet:

  • dem sinnlichen Trieb, dem Stoff-Trieb, der auf immer neue Erfahrungs-Inhalte abzielt.
  • dem geistigen Trieb, dem Form-Trieb, der auf Konstanz, Unveränderlichkeit, Wahrheit und Recht abzielt.

Herrscht nur der sinnliche Trieb, ist das Ich „besinnungslos“, herrscht nur der Formtrieb, ist das Ich eine „leere Form“.

Das Ziel ist die Integration der beiden Triebe:  „Nur indem er sich verändert, existiert er, und indem er unverändert bleibt, existiert er.

Die „ästhetische Erfahrung“ ist die Aufhebung der Dualität von „Natur und Geist“, die Erfahrung der Einheit der beiden „Wesenskräfte“ des Menschen.
Das eigentliche Menschliche ist die Erfahrung des Schönen. „Schönes“ spricht Sinnlichkeit und Vernunft an

In der „ästhetischen Erfahrung“ ist die Zeit „aufgehoben in der Zeit“, ein „absoluter Zustand“, der „den Menschen zu einem sich selbst vollendeten Ganzen macht.“

Das Mittel zu dieser Einheit ist der Spieltrieb. Das Spiel ist „eine zwecklose Tätigkeit, um des Zusammenspielens beider Naturen willen,“ eine ganzheitliche Erfahrung:  „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“

Im bürgerlichen Denken hat nach Schiller das zweckfreie Spiel der Kunst keine Daseinsberechtigung, weil nur das materielle Interesse und pragmatische Erwägungen zählen. Diese „nicht ästhetisch gestimmten“ Menschen schaffen eine [hässliche] „nicht ästhetische Gesellschaft“.

Der „ästhetische Mensch“ gibt der Natur ihren Eigenwert. Er beutet sie nicht aus, sondern „begnügt sich mit ihrem ästhetischen Schein“. Er ist an der Natur nicht „interessiert“.

9. Die romantische Liebe

  • In traditionellen Gesellschaften ist die Ehe die Fortführung bestehender Lebens- und Arbeitszusammenhänge: Besitz, Herrschaft, Privilegien, wirtschaftliche Interessen
  • Die Generationenfolge im Vordergrund: der einzelne erfährt sich als Teil einer genealogischen Abfolge, die er fortzusetzen hat. Der Mensch als „Nachkomme“.
  • Montaigne 1580 – 88 Essais: Wir heiraten nicht nur für uns, wie es zunächst scheint, wir heiraten ebenso sehr für unsere Nachkommenschaft, für unsere Familie; Brauch und Sinn der Ehe geht unser ganzes Geschlecht an, weil über uns hinaus: deshalb lobe ich mir das Herkommen, dass man die ehelichen Verbindungen lieber durch fremde Vermittlung als durch eigenen Entschluss zustande kommen lässt, mehr auf Grund der Überlegung von anderen als auf Grund eigenen Gefühls; wie anders ist das doch, als wenn man einen Liebesbund schließt.“
  • Die Liebe zwischen den Ehepartner ist keine Voraussetzung der Ehe.
  • Die gute christliche Ehe hat die Liebe zur Folge, nicht zur Voraussetzung.
  • Liebe in der Ehe ist die „Summe häuslicher Verhaltenspflichten“, kein Ausdruck emphatischer psychophysischer Verbindung.
  • Eine verlässliche Zuneigung, keine leidenschaftliche Hingabe.
  • Heirat als kollektive Angelegenheit, bis hin zur kollektiven Kontrolle des sexuellen Vollzugs der Ehe.

10. Das romantische Liebes-Konzept

[Frage zur Jugend heute]
  • Die romantische Liebe will alle Unterschiede zwischen den Partnern zu einer Einheit ohne Entfremdung verschmelzen.
  • Die Individualität in der verschmelzenden Liebe jenseits sozialer Identität.
  • “Die Liebe war in der romantischen Kultur kein normaler sozialer Akt mehr, sondern besaß eine unbedingte emotionale Größe, galt von Raum und Zeit abgehoben, wurde z.T. religiös überhöht und brach dadurch mit den traditionellen Konventionen der Ehe: sie provoziert darüber hinaus mit dem Gebot der Gleichstellung von Mann und Frau sowie mit dem Gebot der Sinnlichkeit. (Richard von Dülmen: Poesie des Lebens. Eine Kulturgeschichte der deutschen Romantik 1795-1820, Böhlau 200, S. 255)

11. Stunde – Teil 1

(15.1.2013): Das Welt-Bild der deutschen Romantik II

(Video 11-1)

10. Das romantische Liebes-Konzept (Fortsetzung)

  • Die Individualität in der verschmelzenden Liebe jenseits sozialer Identität.
  • Die Liebe wird unbedingt. Sie löst sich von den Geboten der Tugendhaftigkeit und erhebt einen Unbedingtheitsanspruch, der sich auf die Unvergleichlichkeit des / der Geliebten bezieht.
  • Man kann nur eine einzige Person in dieser Weise lieben. Die Liebe als exklusive Zweier-Beziehung, abgeschottet gegen den Rest der Welt (Identität nach innen und paarbildende Differenz nach außen).
  • Die romantische Liebe will alle Unterschiede zwischen den Partnern zu einer Einheit ohne Entfremdung verschmelzen.
  • Die Liebe sprengt die soziale Ordnung.
  • Gegen die aufklärerische Idee einer Kontrolle der Gefühle, der Herrschaft der Vernunft über die Gefühle: die Liebe kommt aus einer „mysteriösen Tiefe“.
  • Die Liebe als machtvolle Anziehung, als treibende Kraft jenseits des bewussten Wissens.
  • Liebesfähigkeit = Empfindungsfähigkeit = Leidensfähigkeit.
  • Die Ehe als „Seelengemeinschaft“, als lebenslange freundschaftliche Bindung.
  • Die Liebe ist ewig. Sie bedarf keiner juristischen Sicherungen.
  • Die Liebe hebt die Zeit auf.
  • Die Einzigartigkeit der Liebe lässt die Bedingungen der Außenwelt irrelevant werden.
  • Eine wechselseitige Hingabe zu Verschmelzung, Selbstfindung und Steigerung des Ich:
    • Sie waren ganz hingegeben und eins und doch war jeder ganz er selbst, mehr als sie es noch je gewesen waren.“ (Friedirch Schlegel)
  • Sexualität als Moment der Identitätsfindung.
  • Eine Autonomie-Konstruktion: man kann sein Leben, auch in dieser Hinsicht, selbstbestimmt in die Hand nehmen.

11. Das romantische Lebensprogramm von Selbstverwirklichung

  • Das romantische Ideal der individuellen Selbstverwirklichung
  • Ein Leben in Harmonie, Phantasie und künstlerischen Aktivitäten
  • Die Ideale der Französischen Revolution von „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ wurden begrüßt, aber nicht politisch gedeutet.
  • „Freiheit“ ist nicht Emanzipation des Staatsbürgers
  • „Freiheit“ = Freiheit der Person
  • „Gleichheit“ ist nicht Abschaffung des Adels oder gleiche Rechte für das einfache Volk
  • „Gleichheit“ = weitgehende Angleichung an den Adel, Zugang zu Machtpositionen
  • „Revolution“: vor allem im privaten Bereich
  • Die deutschen Idealisten sind bürgerliche Intellektuelle mit einem Sendungsbewusstsein.
  • Vereint durch die deutsche Sprache als Kulturraum. Politisch war das Gebiet in hunderte Einzelstaten aufgesplittert.

12. Soziale Hintergründe der deutschen Romantik

  • Die Romantik ist eine Sache bürgerlicher Eliten, einer kleinen Minderheit.
  • Eine Massenwirkung kommt erst viel später.
  • Ein bürgerlicher Wunsch – gegen die Herrschaft des Adels und der Kirche – nach einem autonomen Leben ohne Zwänge und Bevormundungen.
  • Für Meinungs- und Denkfreiheit einer Elite.
  • Die Lebensumstände und Rechte des „gemeinen Volkes“ werden kaum thematisiert.
  • Die deutschen Romantiker kommen v.a. aus dem gebildeten Beamtenfamilien, auch Pfarrerkinder, auch Adelige
  • Ihre Eltern waren gebildet, offene Familien mit vielen Kontakten
  • Die deutschen Romantiker bilden eine eigene Subschicht
  • Auch intensive Geschwisterkontakte
  • Die Französische Revolution als das prägende Schlüsselerlebnis der deutschen Romantiker
    • 1789/90 waren viele führende Romantiker 18-22 Jahre alt
    • 10 Jahre intensive Auseinandersetzung.
    • Zuerst stürmische Begeisterung, dann Ernüchterung und Abkehr.
  • Die meisten Romantiker sind an Universitäten, ein Zentrum war Jena
  • Ein intellektueller Aufbruch mit intensiven Auseinandersetzungen

13. Romantische Idyllen und patriachale Ordnung

  • Die deutsche Romantik wurde auch von Frauen getragen.
  • Bekannt wurden u.a. Sophie Nerau, Henriette Herz, Rahel von Varnhagen, Sophie von La Roche, Johanna Schopenhauer, Karoline Böhmer (verheiratete Schlegel)
  • Sie brachen bewusst mit der Tradition und wollten selbständiger werden.
  • Eine eigenständige Berufstätigkeit stand noch außerhalb der Erwartungen und Möglichkeiten.
  • Aufwertung der sozialen Position im Haushalt durch Gesprächspartnerinnen und selbstbewusste Mütter
  • Frauen wurden Hauptabnehmerinnen der schöngeistigen Bücher und Zeitschriften
  • Eine Bildungskultur im Hause
  • Programmatik wechselseitiger (scheinbar gleichberechtigter) Ergänzung versus de-facto-Patriarchat:
    • Durch die Liebe zur Frau findet der Mann zu sich selbst.
    • Die Persönlichkeit des Mannes wird durch die Frau gesteigert.
    • „Die Geliebte ist dem Geliebten funktional zugeordnet. Sie ist seine Erlöserin, die ihn aus allen Widrigkeiten der inneren und äußeren Zerrissenheit zur Einheit mit sich selbst läutert.“ [Saase, S. 53].
    • Ein männlich geprägter Erlösungs-Mythos: die Frau wird erhöht, um sie den höheren Zwecken des Mannes zu unterwerfen.
    • Der Mann wird als zerrissene Gestalt geschildert, der durch die Frau erlöst wird.
  • Das Schema der romantischen Liebesgeschichten besteht aus zwei Grundmotiven:
    • die problematische Existenz des Mannes, den es irgendwie nach Erlösung verlangt, und
    • die Erlösung, die ihm dann durch eine Frau zuteil wird.

Fichte Naturrecht :

  • Im Begriff der Ehe liegt die unbegrenzteste Unterwerfung der Frau unter den Willen des Mannes.“
  • Die Frau ist Teil eines Binnen-Verhältnis in der Ehe. Der Mann repräsentiert die Ehe nach außen. Die Frau ist dieser Repräsentanz untergeordnet, weil sie mit dem Manne in Liebe verschmolzen ist.

Heinrich von Kleist, Brief an seine Braut Wilhelmine von Zenge vom 30.5.1800:

  • „… dass der Mann nicht bloß der Mann seiner Frau, sondern auch noch ein Bürger des Staates, die Frau hingegen nichts als die Frau ihres Mannes ist; dass der Mann nicht bloß Verpflichtungen gegen seine Frau, sondern auch Verpflichtungen gegen sein Vaterland; die Frau hingegen keine anderen Verpflichtungen hat, als Verpflichtungen gegen ihren Mann; dass folglich das Glück des Weibes zwar ein wichtiger und unerlässlicher, aber nicht der einzige Gegenstand des Mannes, das Glück des Mannes hingegen der alleinige Gegenstand der Frau ist; dass daher der Mann nicht mit allen seinen Kräften für seine Frau, die Frau hingegen mit ihrer ganzen Seele für den Mann wirkt.“
[Frage zu diesem Zitat]

14. Der gespaltene Bürger des 19. Jahrhunderts

agiert in zwei Welten, räumlich und zeitlich getrennt:

  • private Binnen-Sphäre:
    empfindsamer Umgang mit geliebten Menschen, romantische Liebes-Beziehungen zu Frau und Kindern, Regeln von Empathie und Gefühl, als kompensatorische Welt, Sphäre der Erziehung, die dem Mann seine Einzigartigkeit verleiht.
  • öffentliche Außen-Sphäre:
    unpersönliche Regeln der gesellschaftlichen Rationalität (Fabrik, Börse, Politik, …), eine kalkulierende Vernünftigkeit, Erwerbskampf nach Regeln der Konkurrenz und der individuellen Klugheit, Sphäre der öffentlichen Behauptung und Durchsetzung gegen andere, der Mann als funktioneller Teil von Gesellschaft, Politik und Wirtschaft.
[Frage zu romantischen Idealen und der wirklichen Lebenspraxis]

Wie geschieht die Integration in der Lebenswirklichkeit?

Vergleich mit uns

15. Romantische Malerei

  • Landschaftsmalerei ist früher kein höheres Genre.
  • Die Gattungshierarchie im 17. Jhdt. an der französischen Akademie
  • André Félibien 1776 Conférences: Gattungs-Hierarchie:
  • Von niedrigsten zu hohen Gegenständen:
    • Früchte, Muscheln, Blumen à Landschaftsdarstellung à lebende Gegenstände à die menschliche Figur à das Figurenensemble à eine bedeutsame Aktion, Historie à diese in allegorischer Einkleidung, wie Fabel, Mythos: Helden, Könige, Heilige.
  • Im 18. Jahrhundert emanzipieren sich die „niedrigen“ Gattungen.
  • Der Künstler wird schrittweise aus höfischen und kirchlichen Bindungen entlassen.
  • Das Beispiel von Mozart
  • Der Platz des Künstlers in der Gesellschaft wird fragwürdig.
  • Der Künster wird auf sich zurückgeworfen und stellt den Prozess seines Tuns in Frage.
  • Die Kunst verliert die Verbindlichkeit ihrer Inhalte und Darstellungsformen und gewinnt neue Ausdrucksmöglichkeiten.
  • Das traditionelle Konzept des Helden gerät schrittweise in Krise.
  • Vom “Helden” zum “Genie”

Themen aus der Gegenwarts-Erfahrung:

  • William Hogarth: ab 1735 privatbürgerliche Sozialeinrichtungen als Darstellungen christlicher charity.
  • Daniel Chadowiecki 1767: Der Abschied des [zum Tode verurteiten] Calas von seiner Familie als Demonstration exemplarischen Sentiments eines tagespolitischen Ereignisses.
  • Jean-Baptiste Greuze 1763 Der Gelähmte: das ganze Bild als einzige Gefühlsaufwallung. Nach Diderot ist nicht mehr die Darstellung der Geschichte das künstlerische Ziel dieses Bildes, sondern die Wirkung des dargestellten Sentiments auf den Betrachter.

Romantische Malerie als Gefühls-Malerei

Ein bewusster Bruch mit der historischen Tradition erfolgt in der Kunst der Französischen Revolution.

  • z.B. Jacques-Louis David 1793 Der ermordete Marat: als Märtyrerbild des Jakobiner David für die offizielle Gedächtnisfeier des Nationalkonvent. Der reale Marat springt den Betrachter an. Der Zettel weist aus dem Bild auf uns. Marat wirkt zugleich surreal, in der Pose des toten Christus.

Die „niedrige“ Genre Landschaft steigt im 18. Jahrhundert auf.

In der Romantik kommt der Landschaftsmalerei kommt der erste Platz zu.

Caspar David Friedrich:

  • Rückenansichten: man sieht mit der dargestellten Person mit.
  • Die zahlreichen Rückenansichten zeigen die Entzweiung zur Natur und zugleich die religiös-betrachtende Anschauung der Natur.
  • Rstille und unbewegte Figuren, versunken in die Betrachtung der Natur, manchmal (wie in der Frau vor untergehender Sonne) sogar im Anbetungs-Gestus.
    Der Mönch am Meer [um 1808/09] verrichtet sein Gebet vor der Natur selbst. 3/4 des Bildes nimmt der Himmel ein. Am Strand steht einsam und allein ein Mönch.
  • eine weitgehend von zivilisatorischen Elementen freie Natur
  • eine mächtige Natur, die gewaltiger ist als alle Versuche der Menschen, sie zu unterwerfen.

16. Das romantische Musik-Konzept

  • im 18.Jahrhundert: encyclopédie: Musik als „harmloser Luxus“, auf „letzter Rangstufe“ der nachahmenden Künste
  • Barocke Musikkomposition: ein eher mathematischer Zugang
  • Große Gefühle werden im Barock Göttern, Halbgöttern und sagenhaften Heroen zugeschrieben.
  • Die romantische Musik schreibt Gefühle allen Menschen zu.
  • In der Barockmusik: Nur zwei Lautstärken: crescendo und diminuendo.
  • Bis ins 18. Jahrhundert: Musik sollte „Affekte“ aktivieren (Typologie von Affekten), geschlossene Affekt-Charaktere. Jede Szene bildet nur einen Affekt ab. Keine konsistente psychologische Änderung und Entwicklung der Charaktere
  • Im 18.Jahrhundert: Erfindung der stufenlosen Nunancierung der Lautstärke
  • Ab 1781/82: die „Klassik“, die romantische Musik-Revolution, die „emotionale Revolution“
    • 1781: Haydn Streichquartett opus 33
    • 1782: Mozart Die Entführung aus dem Serail
  • Der neue Kompositionsstil stellt Gefühle dar, löst Gefühle aus und ist auf der Ebene von Gefühlen zu rezipieren.
  • Mozart zeichnet seine Opernfiguren als Individuen.
  • Es geht um das Innenleben der Akteure.
  • Konsistente plausible Charaktere, die sich entwickeln
  • Verdis Otello: Vom romantisch liebenden Ehemann und strahlenden Kriegshelden über den eifersüchtigen Ehemann, der die Gattin öffentlich demütigt und sich selbst blamiert, bis zum Mörder seiner Angebeteten.
  • Die romantische Musik kommt aus dem tiefsten Inneren.
  • Die Förderung einer „Kunst des Zuhörens“
    • im 18. Jhdt war es in der Oper laut, wie in einem Klub oder einem Wirtshaus (Essen, reden, Prostituierte, …)
    • im 19. Jhdt wird das „andächtige Schweigen“ zur Kulturnorm.
    • o   Feldzug der Romantiker gegen die „Musikbanausen
    • o   Applaus nicht spontan, sondern zum richtigen Zeitpunkt
    • o   keinerlei öffentliche Gefühlsäußerungen erlaubt
  • Die Musik wird zur „Hauptkunst des Jahrhunderts
  • Musik als eine Art säkularisierter Religion, eine weihvolle Stimmung beim Konzert, Musikhören als feierlicher Akt
  • Es geht um das Sich-Hingeben an Gefühlen, Mitschwimmen mit den Gefühlen
  • Eine „aktive Passivität“: „ich war im Innersten tief und heilig erschüttert.“
  • Ideologie von Rührung und Tränen.
  • Nietzsche: Wie nach der neueren Musik sich die Seele bewegen soll: „Man soll schwimmen“, „schweben
  • Wagner über die Entstehung des Rheingold 1853: Inspiration aus dem subjektiven Unbewussten: „ein somnambuler Zustand“, „als ob ich in ein stark fließendes Wasser versänke“. Dieses „Rauschen“ wird dann in Musik umgesetzt.
  • Wagner-Kult, Festspielhaus in Bayreuth – erstmals: man konnte sämtliche Lichter löschen und die Orchestermusiker samt Dirigenten in einen Orchestergraben versenken, sodass sie für die Zuseher unsichtbar wurden.
  • In der Oper geht es vor allem um die Musik, nicht um den Text.
  • Die Musik dient der Darstellung von Gefühlen, die Handlung folgt der Logik der Gefühle.
  • Die vertiefte Gefühls-Beziehung zwischen Mann und Frau als Hauptthema der romantischen Oper.
  • Eine Fülle von Liebes-Themen.  Gezeigt wird eine tief empfundene Zuneigung.
  • Die Bösewichte in der romantischen Oper sind (in der Regel harmlose) Menschen ohne Gefühle.
    • Der Zwerg Alberich im Ring der Nibelungen verflucht in der ersten Szene des Rheingolds die Liebe und bemächtigt sich so des Rheingolds. Das Gold verleiht ihm verderbenbringende Macht. Daraus entwickeln sich alle Konflikte und Verstrickungen, die schließlich in der Götterdämmerung (dem letzten Teil der Trilogie) zum Untergang der Welt führen.
      Die Moral von der Geschichte: die vormoderne Gefühlsarmut ist eine Gefahr für die Welt.
  • Gefühle in den romantischen Märchen
    • Das Beispiel von Hänsel und Gretel

11. Stunde – Teil 2

(15.1.2013): Welche Welt-Bilder haben wir heute?

(Video 11-2)

These: wir leben in vielen Welt-Bildern

Andeutungen

  • Die magische Welt der Kindheit: „transitorische Objekte“
  • Die romantischen Konzepte in Liebe und Beziehungen

Wie integrieren wir diese Vielfalt in unserer Lebenswirklichkeit?

„Offizielle“ Welt-Bilder: wie könnten wir die Gesellschaft beschreiben?

Reduktion auf zwei Institutionen: Technik und Wirtschaft

Welche Welt-Bilder liegen Technik und Wirtschaft zugrunde?

  • Die technische Gesellschaft als Ausdruck eines selbstverständlich gelebten mechanistischen Welt-Bilds
  • Die populärsten Bilder der Wirtschaft (in den mainstream economics) als Ausdruck eines Maschinen-Verständnis der Wirtschaft

In diesen Bezügen liegt die Bedeutung des mechanistischen Wellt-Bildes heute.

Was sagen Kulturwissenschaften zu mechanistischen Welt-Bildern?

  • Ablehnung als „falsches“ Welt-Bild? Im Sinne eines Universalitäts-Anspruches?
  • Eine historische Relativierung als kontingentes Welt-Bild
  • Anerkennung einer kulturellen Basis und Verneinung ihrer absoluten Rechtfertigung

Die Geschichtlichkeit aller Grundkategorien

Der Mensch als sinnproduzierendes Wesen

Hoffnung auf Toleranz  in einer multikulturellen Wirklichkeit

Background pattern
Colors
Layout style