Markt-Glauben, Klima-Krise und Katastrophen-Leugnung

Markt-Glauben, Klima-Krise und Katastrophen-Leugnung: in 4 Teilen

ursprünglich veröffentlicht in makroskop (Teil 1 / Teil 2 / Teil 3 / Teil 4)

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Der Klimawandel erfordert sofortiges globales politisches Handeln, um seine drastischen Auswirkungen zumindest zu begrenzen. Warum keine schnellen Schritte unternommen werden, hat viele Ursachen. Eine dieser Ursachen aber ist, dass die politischen Eliten zunehmend die Welt aus einer neoklassischen Perspektive interpretieren. Die Neoklassik aber ist aufgrund ihrer theoretischen Annahmen blind gegenüber ökologischen Problemen.

Will Denayer hat in einer mehrteiligen Serie (Siehe dazu: Teil 1 / Teil 2 / Teil 3 / Teil 4) einen Überblick über die drohende Klimakatastrophe gegeben. Wenn nur ein Teil seiner Argumente richtig ist, dann befinden wir uns global in einer beängstigenden Situation. Eine Steigerung der weltweiten Durchschnittstemperatur um 3,5 Grad Celsius gilt nach Denayer als „Schwelle zur Auslöschung, da in einer solchen Welt die Nahrungskette zusammenbricht, das Meeresplankton abstirbt und die Temperaturen die terrestrische Vegetation stark begrenze.“ Über diesem Wert haben – so sagt er –noch niemals menschliche Lebewesen in ihrer ganzen Entwicklungsgeschichte existiert. Ein solches Szenario gilt nicht mehr als völlig ausgeschlossen: 2013 wurde von der Internationalen Energieagentur ein Temperaturanstieg von 3,5 Grad Celsius bereits für das Jahr 2035 prognostiziert (hier), einen Überblick über besorgniserregende Szenarien gibt auch Denayer (hier).

Warum keine schnellen Schritte?

Offiziell wurde in Paris in diesem Jahr beschlossen, den Anstieg der durchschnittlichen Erdtemperatur auf unter 2 Grad Celsius zu begrenzen. Aber dazu gibt man sich eine lange Zeitspanne. Die EU will bis 2050 die Emissionen auf ein Fünftel, verglichen mit 1990, zu senken. Erst in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts soll der totale Ausstieg aus der CO2-Produktion gelingen. Aber das 2-Grad-Programm würde ein sofortiges globales Handeln erfordern, das nicht in Sicht ist. Immerhin haben jetzt auch die USA und China das Klimaschutzabkommen unterzeichnet. Ein Präsident Trump würde sich daran aber nicht gebunden fühlen. Er hat einmal die von Menschen verursachte Klimaerwärmung als Erfindung der Chinesen bezeichnet, die die US-Waren weniger wettbewerbsfähig machen wollen. Trump hat auch einen deklarierten „Klimaskeptiker“ zum Vizepräsidenten nominiert.

Warum keine schnellen Schritte unternommen werden, hat viele Ursachen (siehe dazu auch hier). Sie haben mit den verschlungenen Machtwirklichkeiten von Wirtschaft und Politik zu tun, vor allem mit den globalen Entscheidungsträgern, die die Macht hätten ein effektives Klimaschutzprogramm durchzusetzen. Aber dies würde es ein entsprechendes Bewusstsein bei diesen Eliten voraussetzen, das offensichtlich nicht vorhanden ist. Unabhängig und zusätzlich zu den Einflussmöglichkeiten geht es auch um kognitive Fragen: was macht den Kern der Umweltkrise aus, worum geht es bei Umweltproblemen, was sind ihre Ursachen, welche Aspekte sind betroffen? Was alles müsste verändert werden? Welche Programme brauchen wir? Wer kann das umsetzen?

Fragen dieser Arten beziehen sich auch auf die Wissenschaften und zwar auf jene, die für Umweltfragen (die Umweltwissenschaften) und ihre gesellschaftlichen Bezüge (die Sozialwissenschaften) zuständig sind. Weil wir in einer ökonomisierten Gesellschaft leben (viele Bereiche wurden einer Logik „des Marktes“ unterworfen), geht es vorrangig auch um die Ökonomik. Sie spielt heute die Rolle einer gesellschaftlichen Leitwissenschaft. (Joachim Koch sprach 2002 in von der gesellschaftlichen Bedeutung der Wirtschaftswissenschaften, welche die früheren Megaphilosophien des Theologischen und der Vernunft abgelöst hat). Die Art, wie einflussreiche ökonomische Theorien Umweltprobleme konzipieren, spielt für die Bewältigung des Klimawandels eine wichtige Rolle. Wie hier Natur, Umwelt, Umweltbelastungen und Einstellungen dazu erörtert werden, hat Einfluss darauf, wie und ob überhaupt die Brisanz der Lage erkannt werden kann und welche Maßnahmen getroffen oder eben nicht getroffen werden.

Neoklassische Blindheit

Dies gilt insbesondere für die Neoklassik, wie sie den AnfängerInnen im Studium in fast allen Lehrbüchern der Mikroökonomie vermittelt wird. Studierende erlernen gleich zu Beginn ihres Studiums einen speziellen Blick auf das Wirtschaftssystem, der sich in vielen Fällen verdichtet und als einzig gültige Sichtweise erhalten bleibt. Sie wird bekanntlich durch das Modell „des Marktes“ vermittelt, d.h. das Modell der vollkommenen Konkurrenz, dargestellt im üblichen Angebots-Nachfrage-Diagramm. Dieses Modell fungiert in den Lehrbüchern als Referenzmodell für viele Aspekte der Wirtschaft. Das Modell wird meist fast ohne Kritik als erstes und wichtigstes Modell vorgestellt. Die Studierenden lernen in diesem Modell zu denken (die Hauptanstrengung liegt auf der Bewältigung des Formalismus und der geometrischen Darstellungen), sie lernen aber nicht, über diesen Ansatz kritisch und fundiert nachzudenken. Eine wichtige Frage betrifft die Grenzen des Anwendungsbereiches: auf welche Phänomene kann eine Angebots-Nachfrage-Markt-Sichtweise sinnvoll angewandt werden und auf welche nicht? Eine solche Grenze wird von der Theorie selbst nicht gezogen, sogar prominente Anhänger sprechen von einem „ökonomischen Imperialismus“. (Genau auf diese Weise können neoklassische Modelle stillschweigend – ohne fachinterne Reflexion – an der Ökonomisierung der Gesellschaft mitwirken.)

Eine drohende Umweltkatastrophe kann in der impliziten „Grenzenlosigkeit“ der Neoklassik nicht als Indiz für ein Überdenken des Ansatzes dienen, – die Neoklassik ist als „Theorie von allem“ prinzipiell gegen empirische Großereignisse abgesichert. (Das hat auch die Finanzkrise ab 2008 gezeigt: die Neoklassik wurde dadurch in ihrem Selbstverständnis als brauchbare Theorie der Wirtschaft nicht ernsthaft erschüttert). Im Gegenteil: In einer Sichtweise „des Marktes“ (wie sie in fast allen Lehrbüchern vermittelt wird) können Probleme aller Art nur eine Folge von zu wenig „Markt“ sein. Für die Umweltkrise geht es bekanntlich darum, Aspekte der Umwelt als Markt zu organisieren. Vorrangig wird ein Markt für Emissionsrechte gefordert, z.B. für CO2. Genau dieser Vorschlag war eines der Hauptinstrumente im Kyoto-Protokoll ab 1997, – dies dokumentiert auch, wie weit das Denken „des Marktes“ weltweit verbreitet ist und andere Denkweisen verdrängt hat. Fast 20 Jahre später muss ein vernichtendes Urteil über diesen Ansatz gefällt werden: praktische Erfolge können nicht ausgemacht werden. Die Chicagoer Umweltbörse (Chicago Climate Exchange) wurde 2010 eingestellt: niemand in den USA hatte mehr ein Interesse CO2-Zertifikate zu handeln. Die weltweit größte Börse befindet sich in London (European Climate Exchange). Die Preise sind aber seit Jahren sehr niedrig und können deshalb keine Lenkungswirkungen in die intendierte Richtung erzielen (die niedrigen Preise haben auch mit der Finanzkrise ab 2008 zu tun).

Der „neue“ ökonomische Wein in alten Schläuchen

Aber Misserfolge können Gläubige „des Marktes“ (meist) nicht erschüttern. Sie wissen ja, wie die Wirtschaft – das ist für sie „der Markt“ – im Kern und prinzipiell funktioniert. Ein beredtes Beispiel aus jüngster Zeit vermittelt das neue Lehrbuch des Instituts for New Economic Thinking (INET). Das Institut, das im Herbst 2009 gegründet wurde, wird vom Hedgefonds-Manager Georg Soros finanziert und ist mit dem Anspruch angetreten, neue Denkansätze nach der Finanzkrise 2007/2008 zu entwickeln. INET organisiert viele Ökonomen abseits des Mainstreams, vergibt Forschungsprojekte und vermittelt Anstöße, die durchaus beachtenswert sind. Im Jahre 2013 wurde ein Konsortium gegründet, um ein „alternatives“ Lehrbuch zu schreiben, das die herkömmlichen neoklassischen Lehrbücher ersetzen sollte (Curriculum Open-Access Resources in Economics, CORE). Mittlerweile liegt das Buch vor. Über 25 Personen haben mitgewirkt, es wird mit viel Begleitmaterial kostenlos im Internet verteilt – und wird auf diese Weise andere „heterodoxe“ Lehrbücher verdrängen, die nicht umsonst zu erwerben sind.

Im Vergleich zu traditionellen Lehrbüchern der Mikroökonomie wird im CORE-Lehrbuch ein breiterer Ansatz gewählt. Es wird historisch und institutionell argumentiert und die Studierenden lernen auch etwas Wirtschaftsgeschichte. In diesen Aspekten stellt das neue Lehrbuch einen Fortschritt für die meisten Lehrbücher dar, die heute im akademischen Unterricht verwendet werden. Nur: im Kern bleibt das Lehrbuch etablierten neoklassischen Glaubenssätzen verpflichtet, sie werden von Anfang an als Tatsachen vermittelt. Im Lehrbuch wird in einer großen Selbstverständlichkeit die Wirklichkeit „des Marktes“ und eines „effizienten“ Preissystems geschildert, das sich historisch „spontan“ gebildet hat und für den enormen Zuwachs der Pro-Kopf-Einkommen über die Jahrhunderte verantwortlich ist. Friedrich von Hayek, Milton Friedman und andere marktfundamentale Denker hätten das nicht besser formulieren können.

Ökologische Probleme werden im Lehrbuch nicht geleugnet, sondern mit Zahlen und Schaubildern dargestellt. Sie gelten im Lehrbuch als unvermeidliches Nebenprodukt der permanenten „technologischen Revolution“, die den Kapitalismus kennzeichnet und für seinen Erfolg verantwortlich ist. In dieser Sichtweise werden Umweltprobleme vorrangig als technische Probleme gesehen. Gleich von Anfang an wird eine Entwarnung ausgesprochen. Für technische Probleme werde es in Zukunft technische Lösungen geben (unit 1: 21), – die Studierenden brauchen über den Klimawandel grundsätzlich nicht beunruhigt zu sein. Als Lösung dient – der herkömmlichen neoklassischen Logik folgend – vor allem „der Markt“. Denn der Klimawandel ist „ein Problem eines fehlenden Marktes“ (unit 18: 9 und 35), als „Abhilfe“ werden folgerichtig vor allem Umweltzertifikate empfohlen.

Die neoklassische Blindheit in Bezug auf ökologische Fragen kann in diesem „alternativen“ Lehrbuch deutlich gezeigt werden. Natur gilt als freies Gut, sie ist umsonst zu haben. Die Lösung für Umweltprobleme liegt darin, Aspekte der Natur zu einem knappen Gut zu machen. Dazu wird ein Preis benötigt, der nicht vom Staat, sondern von einem Markt zu kommen hat. Der üblichen neoliberalen Politik einer „Regulierung im Namen der Nichtregulierung“ folgend muss dazu die Politik einen Markt einrichten, der dann mittels seines Preises die anstehenden technischen Probleme lösen wird. Im Lehrbuch wird über verschiedene Politiken diskutiert, wie das zu erreichen sei. Dazu werden technologische Szenarien herangezogen, die von der Beratungsfirma McKinsey (eine bekannte marktfreundliche Organisation) erstellt worden sind. (Ein Szenario für das Jahre 2030 sieht auch die Atomenergie als Lösung für das Klimaproblem an.)

Politische Fragen werden meist als Kosten-Nutzen-Themen gedeutet: „Die Politik“ kann – so wird vermittelt – anhand ihrer Präferenzen verschiedenen Konstellationen anhand ihres Grenzkalküls „wählen“. Das Klimaproblem schrumpft damit auf ein Kalkulationsproblem, das es politisch durchzusetzen gilt. Aber Fragen der Politik haben mit Fragen der Ökonomie – das suggeriert das Lehrbuch – per sei nichts zu tun. Die Studierenden der Ökonomie dürfen sich angesichts der globalen Erwärmung beruhigt zurücklehnen. Als künftige Wirtschaftsexperten haben sie das Klimaproblem theoretisch verstanden und wissen, was im Prinzip getan werden muss, um den Klimawandel zu stoppen. Lediglich bei der Diskussion, mit welchen Zinssätzen künftige Kosten und Erträge zu bewerten sind, tut sich kurz ein Abgrund auf: Es gibt eine kleine Wahrscheinlichkeit – so wird im Lehrbuch gesagt – dass künftige Generationen (die in den Modellrechnungen auftauchen) gar nicht existieren, weil die Menschheit sich bereits ausgerottet hat. Erwähnt wird, dass im „Stern Review on the Economics of Climate Change“ dieses „Risiko“ dadurch berücksichtigt wurde, dass der jährliche Zinssatz um 0,1 % erhöht wurde, – eine Kritik oder Problematisierung kann das Lehrbuch aber nicht liefern (unit 18: 55).

Literatur:

Koch, Joachim: Megaphilosophie. Das Freiheitsversprechen der Ökonomie, Göttingen: Steidl 2002.

2

Wie ist die große Diskrepanz zwischen der wissenschaftlichen und der öffentlichen Meinung über den Klimawandel in den USA zu erklären? Allgemein formuliert: wie kommen individuelle und soziale Präferenzen zustande, wie werden sie gebildet, können sie beeinflusst werden und haben sie sich zeitlich verändert?

Das in Teil 1 erwähnte „alternative“ Lehrbuch des Instituts for New Economic Thinking (INET) wurde als Beispiel für die übliche neoklassische Blindheit in Bezug auf ökologische Fragen erwähnt: Unbeirrt von den bisherigen Misserfolgen wird weiter auf einen zu schaffenden „Markt“ für Emissionsrechte gesetzt. Aber die neoklassische Blindheit geht noch tiefer. Sie bezieht sich auch auf ihre Sichtweise der Politik, die entgegen steuern sollte. In Kapitel 18 des INET-Buches werden politische Positionen zu Umweltfragen auch als Interessenkonflikte behandelt. Diese nehmen – so wird gesagt – auch die Form unterschiedlicher Einschätzungen über die Ergebnisse der Klimaforschung selbst an: 64 % der Anhänger der Demokratischen Partie in den USA sind der Meinung, dass die globale Erwärmung eine Tatsache sei und von menschlichen Aktivitäten verursacht wird. Bei den Republikanern beträgt dieser Prozentsatz nur 22% (unit 18/52).

Wissenschaftsfeindliche „Präferenzen“

Präferenzen dieser Art erscheinen unverständlich: die Umweltwissenschaften verfügen seit langem über einen weit reichenden Konsens darüber, dass die globale Klimaerwärmung von Menschen verursacht ist und weiter verursacht wird. Wie ist aber die große Diskrepanz zwischen der wissenschaftlichen und der öffentlichen Meinung in den USA zu erklären? Allgemein formuliert: wie kommen individuelle und soziale Präferenzen zustande, wie werden sie gebildet, können sie beeinflusst werden, haben sie sich zeitlich verändert?

Fragen dieser Art sind für ein Verständnis des Wirtschaftssystems und seiner Geschichte wichtig. Der neoklassische Standardansatz kann sie nicht beantworten, weil hier ein prinzipielles Problem vorliegt. Die Neoklassik geht erstens von der Existenz isolierter Individuen aus (die Menschen besitzen keine genuin sozialen Aspekte) und definiert zweitens Individuen anhand ihrer Präferenzen. Die Nutzenfunktion bzw. die Präferenzordnung stellt – so kann man sagen – das Identitätsmerkmal des neoklassischen Homo Oeconomicus dar. Als Identitätsmerkmal müssen Präferenzen als gegeben und unveränderbar gesetzt werden: jede Person besitzt für sich ihren eigenen privaten Präferenzen, das macht sie als ökonomischen Akteur aus. Eine Beeinflussung von Präferenzen durch andere ist im Modell nicht vorgesehen – die Individuen würden ihre Identität verlieren – und wird in den Lehrbüchern kaum thematisiert. (Kenneth Boulding hat in diesem Zusammenhang spöttisch von der „unbefleckten Empfängnis der Indifferenzkurve“ gesprochen). Die eigene Lebenserfahrung eines stetigen Präferenzwandels oder die Tatsache, dass auf den Durchschnittsbürger jeden Tag hunderte oder tausende Werbeimpulse einströmen, muss in der Theorie ausgeblendet werden. (Dazu müssen Studierende lernen, abstrakt zu denken und eigene Erfahrungen hinten an zu stellen.)

Politisch sich manifestierende Präferenzen (z.B. die erwähnten Einstellungen zum Klimawandel) gelten in der Neoklassik als Summe individueller Präferenzen. Sie sind fix gegeben, als Beleg für ihren Inhalt kann eine Meinungsumfrage dienen. Das INET-Lehrbuch stellt demgemäß den Befund zur Einschätzung der Klimaforschung dar, fragt aber nicht nach seinen Ursachen. (Weiter führende Argumente zu der Angemessenheit eines Präferenzansatzes für die Diskussion ökologischer Fragen hat Flassbeck vor einem Jahr entwickelt). Ein politökonomischer Ansatz, der den Studierenden wirkliche Zusammenhänge über das Wirtschaftssystem vermitteln will, muss demgegenüber in der Diskussion der Klimapolitik auch ein Verständnis vermitteln, wie sich die Wissenschaftsskepsis in Bezug auf die Klimaforschung in den USA (und in anderen Ländern) historisch gebildet und ausgebreitet hat.

Die Tabakindustrie schafft sich eine eigene „Wissenschaft“

Der Schlüssel dazu liegt in der Geschichte des Lobbying. Die Vorgangsweise, die die „Klima(wandel)skeptiker“ bzw. „Klima(wandel)leugner“ in den USA ab den siebziger Jahren entwickelt haben, rekurriert auf Erfahrungen, die die Tabakindustrie schon zwei Jahrzehnte früher gemacht hat. Den Tabakkonzernen ist es in den USA gelungen, jahrzehntelang Studien in Frage zu stellen, die einen Zusammenhang von Tabakkonsum und Krebs schlüssig nachgewiesen hatten.

Die Strategie der „Tabak-Leugner“ geht auf das Jahr 1953 zurück und wurde von John Hill, CEO der Public Relations-Firma Hill & Knowlton, formuliert (hier). Hill wählte den Ansatz, nicht direkt wissenschaftliche Studien zu hinterfragen, sondern selbst massiv in eine eigene Forschung zu investieren. Sein Vorschlag wurde von US-Tabakfirmen in großem Stil umgesetzt. Eine erste Aktion war ein einseitiges Inserat (betitelt A Frank Statement to Cigarette Smokers), unterzeichnet von den großen Tabakkonzernen, das die Gefahren aus dem Rauchen schlichtweg bestritt. Es erschien 1954 in 400 US-Zeitungen und erreichte geschätzte 43 Millionen Menschen. Gleichzeitig begann die Tabakindustrie „wissenschaftliche Studien“ zu fördern, die mit vielen Argumenten den Zusammenhang von Krebs und Rauchen in Zweifel zogen oder zur Gänze bestritten. Dabei wurde die Vorläufigkeit wissenschaftlicher Ergebnisse betont und ständig auf bessere Studien gepocht, die es erst zu erstellen gelte. Die Tabakindustrie war dabei immer über die gesundheitlichen Gefahren ihrer Produkte informiert. Ihre zynische Strategie von „Wissensproduktion“ verzögerte den Prozess der Etablierung wissenschaftlicher Gewissheiten über Jahrzehnte und verschaffte ihr so weitere profitable Jahre.

Ein wichtiges Instrument für dieses Vorhaben war die Gründung scheinbar „unabhängiger“ Forschungsinstitute wie das Tobacco Industry Research Committee (TIRC, später wurde daraus  das Council for Tobacco Research, CTR), als Unterstützung wurde dann 1958 das Tobacco Institute errichtet. Dieses wurde von den großen Tabakkonzernen anteilsmäßig zu ihren Umsätzen finanziert. Unliebsame Ergebnisse wurden von diesen (und anderen) Instituten mit einer Fülle von Forschungen erschlagen. Diese Studien hatten vor allem den Inhalt, viele andere Faktoren (außer Tabakkonsum) für die Entstehung von Krebs verantwortlich zu machen. Begleitend wurden neue „wissenschaftliche“ Zeitschriften gegründet, zahlreiche Symposien abgehalten und später auch – als das neue Feld selbstbewusster geworden war – unliebsame Forschungen und Forscher direkt attackiert und ihre Integrität in Frage gestellt. Ihnen wurde „junk science“ vorgeworfen und der eigenen „sound science“ gegenübergestellt. Als Kennzeichen der „gesunden Wissenschaft“ galt in diesen Kampagnen, dass sie „unabhängig“ durchgeführt wurde und nicht von staatlichen Interessen korrumpiert sei. Dabei wurden geeignete „Forschungsergebnisse“ in professionellen Werbekampagnen durch Inserate, Presseartikel, Bücher und TV-Beiträge verbreitet. Insbesondere wurde auf Journalisten eingewirkt und diesen und der Öffentlichkeit gesagt, über Forschungen müsse man immer “ausgewogen”, „objektiv“ und „fair“ berichten. In jedem Fall müsse man auch „kritische“ und „alternative“ Stimmen zum Wort kommen lassen.

Als im Jahre 1992 die Umweltagentur (U.S. Enviromental Protection Agency, EPA) eine Studie vorstellte (hier), dass es in den USA jährlich 3.000 Tote aus Lungenkrebs alleine durch Passivrauchen gebe, reagierte Phillip Morris mit der Gründung des Advancement of Sound Science Center (TASSC). Hier wurde mit Hilfe einer Werbeagentur eine Koalition von besorgten Bürgern präsentiert, die gegen eine „Überregulierung“ der Tabakindustrie antrat. Man beklagte, dass die Behörden die Gefahren aus dem Rauchen in gleicher Weise übertreibe wie etwa unseriöse Eiferer, die schädliche Strahlungen aus einem Mobiltelefon behaupten. Bei diesen Aktionen blieben die Financiers im Hintergrund, sie waren der Öffentlichkeit damals nicht bekannt. Das Zentrum gab sich den Anschein einer spontanen Graswurzelbewegung, – heute nennt man diese Strategie „Kunstrasenbewegung“ (astroturfing).

Produktion von Wissen oder Produktion von Ignoranz?

Der Eingriff der Tabakindustrie in die Produktion wissenschaftlicher Forschung bedeutete einen Bruch in der Haltung der akademischen Wissenschaft gegenüber. Sie steht zur üblichen Praxis in diametralen Gegensatz. Seit vielen Jahrzehnten arbeiten Wirtschaft und Forschung erfolgreich zusammen, – vor allem in naturwissenschaftlichen und technischen Feldern. Diese Kooperation kann für Firmen ungemein ertragreich sein. Unternehmen, denen es gelingt, in ihrem technischen Wissen nur wenige Monate einen Vorsprung vor der Konkurrenz zu erlangen, können – vor allem wenn dies dauerhaft möglich ist – bekanntlich Monopolrenten erwirtschaften und ihre Gewinne steigern. Eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Firmen und der Wissenschaft muss aber von gegenseitigem Respekt getragen sein. Ein Manager kommt üblicherweise nicht auf die Idee, die Art, wie in den Wissenschaften Erkenntnisse produziert werden, grundsätzlich in Frage zu stellen. Er wird z.B. das herkömmliche Peer-Review-Verfahren nicht beklagen, etablierte Wissenschafter nicht öffentlich kritisieren oder ihnen unlautere Motive unterstellen – und er wird niemanden finanzieren, der dies tut.

Ausgehend von der Tabakindustrie (später dann auch in der Pharmaindustrie und wieder später vor allem in der Ölindustrie zu Klimafragen – davon reden wir in Teil 3) wurden diese Standards und Haltungen bewusst außer Kraft gesetzt. Die „Wissensproduktion“, die die Tabakindustrie initiierte, wollte nicht sicheres Wissen, sondern Ignoranz fördern. Das Ziel war die Produktion von Halb- und Falschwissen in der breiten Bevölkerung. Sie sollte abgehalten werden, von der Politik Schritte zur Eindämmung der Tabakindustrie zu fordern. Vor allem die Werbung, die Tabakkonsumenten Lebensfreude und Lebenslust vorgaukelt, sollte nicht behindert werden. Das Vorgehen der Tabakindustrie war über mehrere Jahrzehnte erfolgreich. 1964 wurde eine offizielle Studie präsentiert, die eine Zusammenfassung von über 7000 Studien beinhaltete, die den Zusammenhang von Rauchen mit Krebs und anderen Krankheiten zeigten. Aber die Erfolge dieser Studie in Bezug auf die Politik waren bescheiden. Ab den achtziger Jahren wurden schrittweise Rauchverbote erlassen, unter anderem auch in Flugzeugen. Bis in die neunziger Jahre konnten die Tabakkonzerne in den USA jede gerichtliche Klage abschmettern, die gegen sie eingebracht wurde. Erst 2009 war die zuständige Regulierungsbehörde (Food an Drug Administration, FDA) in der Lage, Tabakprodukte direkt zu regulieren (Tabacco Control Act).

3

Die in den 70er Jahren entstehende Umweltbewegung in den USA wurde von den wirtschaftlichen Eliten als Bedrohung des „Unternehmersystems“ empfunden und beschleunigte den Aufbau konservativer Think Tanks. Diese Denkpanzer machten dem Marktfundamentalismus den Weg an die politische Macht frei und deren Erfolg beruht auch auf einer Allianz mit Klimaleugnern.

Der Umschwung in den siebziger Jahren

In den USA entstand die moderne Umweltbewegung in den sechziger Jahren, – großen Einfluss hatte Rachels Carsons Bestseller „Der stumme Frühling“ (1962). Carson berichtete von den gefährlichen Auswirkungen des Einsatzes von Pestiziden, insbesondere von DDT. Ende der sechziger Jahre verschaffte der kulturelle Umbruch durch die „1968er“ dem Umweltgedanken in vielen Ländern zusätzlichen Auftrieb. 1970 wurde der erste Earth Day gefeiert und 1971 sowohl Friends of Earth als auch Greenpeace gegründet. (In Deutschland gibt es zeitgleich seit 1969 offiziell eine „Umweltpolitik“.) In den siebziger Jahren wurden die Zerstörung der Regenwälder, das neu entdeckte Ozonloch, der unsichtbare Killer Asbest und das drohende Waldsterben diskutiert. Gleichzeitig entwickelten sich eigene „Wissenschaften“, die diese Probleme leugneten. Es gab Bücher, die bestritten, dass DDT gefährlich sei, dass es ein Ozonloch gäbe oder dass es durch Fluorchlorkohlenwasserstoffe verursacht sei oder dass der saure Regen negative Auswirkungen auf die Vegetation habe. Zeitgleich entstand auch ein Wissen über die Klimaveränderung. Bereits in den siebziger Jahren berichtete die National Academy of Science von einem Konsens über die Ursachen der globalen Erwärmung.

Die eigentliche Debatte über den Klimawandel entwickelte sich in den achtziger Jahren, 1988 berichtete der Klimaexperte James Hansen vor dem US-Kongress über die Folgen aus der Verbrennung fossiler Brennstoffen. Ab den siebziger Jahren setzt auch die „Wissenschaft“ der expliziten „Klimaleugner“ ein: allein in den USA sind von 1972 bis 2005 141 „Leugnungs-Bücher“ bekannt. Die meisten dieser Bücher entstanden jedoch nicht spontan: 130 von ihnen stammen aus konservativen „Think Tanks“ [1]. Eine andere Studie identifiziert von 1980 bis 2010 108 englischsprachliche Bücher mit klimaskeptischen Inhalten, die meisten erschienen nach dem Jahre 2006. Bei über 70 % von ihnen konnte eine Beziehung zu konservativen Think Tanks nachgewiesen werden [2].

Die Geschichte der Think Tanks reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück. In den USA kam es nach 1945  zu vielen Neugründungen von Think Tanks, die wissenschaftliche und politische Agenden zugleich verfolgten. Ein prominentes Beispiel ist die RAND Corporation, die 1948 vom Pentagon und der Flugzeugfirma Douglas Aircraft gegründet wurde und für die Geschichte der Sozialwissenschaften in der Ära des Kalten Krieges eine wichtige Rolle gespielt hat. Die Entwicklung konservativer Think Tanks wurde in den USA durch den kritischen Zeitgeist in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre beschleunigt. Teile der wirtschaftlichen Elite waren über die neuen Strömungen, die sie nicht verstehen konnten, zutiefst beunruhigt.

Als Meilenstein für diesen Trend kann das Memorandum (hier) angeführt werden, welches der Rechtsanwalt Lewis Powell jr. (der unter anderem Direktor der Tabakfirma Philip Morris war) im August 1972 für die US-Handelskammer verfasst hat. Darin wurde das „freie“ Unternehmersystem als bedroht deklariert. Es sei von einer Fülle von Feinden umgeben, genannt wurden auch die Studentenbewegung und Gruppen, die Forderungen im Namen der „Umwelt“ (dieser Begriff wurde in Anführungsstrichen geschrieben) erheben. Powell beklagte die Apathie der Industrie und forderte eine konzertierte Antwort gegen ihre „Feinde“. Sein Memorandum gilt sowohl als Auslöser für die Stärkung von Unternehmensrechten (hier) (Firmen bekamen Rechte wie Personen, Powell selbst war Richter im Obersten Gerichtshof), als auch als Indiz für einen Meinungsumschwung in der US-Wirtschaftselite in Bezug auf die Wirtschaftspolitik. Er trug dazu bei, dass der Keynesianismus nicht länger als politisch relevant erachtet wurde. Vorher hatten die wirtschaftlichen Eliten und auch konservative Parteien keynesianische Wohlfahrtskonzepte unterstützt (z.B. Präsident Johnson, 1963-1968 im Amt, in seinem war on poverty) und sich mit big goverment (auch in einem „Militär-Keynesianismus“ im Kalten Krieg) und mit big union arrangiert (in Deutschland sprach man vom „Rheinischen Kapitalismus“). Diese Bündnisse zerbrachen in den USA auch als Folge der Wirtschaftskrisen ab 1964 und den Konflikten aus dem Vietnam-Krieg. Anfang der siebziger Jahre ging die Business-Elite in den USA eine offene Allianz mit den konservativen Rechten ein. Ab jetzt wurde die Expansion des Staates (die seit dem New Deal von Roosevelt vonstattenging) insbesondere in der sozial- und wohlfahrtsstaatlichen Dimension schrittweise zurückgedrängt [3].

Die Neuorientierung der wirtschaftlichen Elite Anfang der siebziger Jahre rückte auch die Chicagoer-Schule, die vorher wenig Bedeutung hatte, in das Zentrum der politischen Macht. Milton Friedman hatte 1964 Barry Goldwater bei der Wahl zum US-Präsidenten unterstützt, Johnson gewann die Wahl. Goldwater galt damals als Rechtsradikaler, heute sind seine Ansichten über eine Politik „des Marktes“ zum mainstream geworden. Unter Richard Nixon (1969 bis 1974 im Amt) war Friedman bereits Berater des Präsidenten. Nixon verfolgte eine widersprüchliche Politik: er deklarierte sich zum einen als Keynesianer und förderte auch Umweltschutzprojekte und beendete zum anderen – auch unter Mitwirkung von Friedman – das System von Bretton Woods, das als keynesianische Weltordnung verstanden werden kann.

Das Denken „des Marktes“ kommt an die Macht …

Mit dem Ende des Systems von Bretton Woods war der globale Rahmen für eine neue „neo-liberale“ Wirtschaftspolitik frei, die „den Staat“ (in sehr widersprüchlichen Konzeptionen) „dem Markt“ unterordnen wollte (Ich bevorzuge für diese Richtung den Ausdruck „Marktfundamentalismus“: im Zentrum steht „der Markt“ im Singular, der wie eine handelnde Person aufgefasst wird). Diese Sichtweise wurde ab den zwanziger Jahren in der Österreichischen Schule durch Ludwig von Mises und Friedrich von Hayek entwickelt, vor allem Hayek stand dabei in engem Kontakt mit den deutschen Ordoliberalen (vor allem der Freiburger Schule um Walter Eucken) und mit der (alten) Chicagoer Schule (die wichtigste Bezugsperson war hier Henry Simons, bei dem Friedman 1934 seinen Master gemacht hatte). Über Jahrzehnte hinweg blieben die „Neoliberalen“ (wie sie sich selbst nannten) in einer Minderheitenposition, – nach 1945 war der Keynesianismus dominant. 1947 wurde mit der Mont Pèlerin Society (MPS) eine Art „Internationale“ des Marktfundamentalismus gegründet, zeitgleich kamen in Deutschland die Ordoliberalen (vor allem in der Person von Ludwig Erhard) an die Macht. Ab den sechziger Jahren erfolgte in der MPS eine langsame Neupositionierung: weg von den (auch) sozialen Positionen, wie sie bei den Ordoliberalen zu finden waren, und hin zu expliziteren marktliberalen Positionen, die vor allem in der Chicagoer Schule vertreten wurden.

Ausgehend von den USA wurde in den siebziger Jahren das neue „liberale“ Denken (in der Chicago-Version) hoffähig, auch in ihrer Kritik keynesianischer Politiken, die nach dem Ende des Systems von Bretton Woods an Wirksamkeit verloren hatten. Das erste explizit „neoliberale Land“ war Chile nach dem Putsch von Pinochet, durch Pinochet kamen in Chile die „Chicago Boys“ an die Macht. Im Übergang von den siebziger zu den achtziger Jahren wurde der Marktfundamentalismus in den Zentren des Kapitalismus dominant: In Großbritannien mit Margarete Thatcher (vom Mai 1979 bis November 1990 Premierministerin) und in den USA mit Ronald Reagan (Reagan war vom Jänner 1981 bis Jänner 1989 Präsident). Dieser Umschwung (hier) verknüpfte die Think Tanks, die im Umkreis der MPS gegründet worden waren, direkt mit der politischen Elite dieser Länder: In Großbritannien vor allem das Centre for Policy Studies, das 1973 von Margaret Thatcher mitbegründet wurde, sie war hier auch stellvertretende Direktorin (Das Institut kann als Ableger des Institute of Economic Affairs verstanden werden, dass 1955 unter direkter Anleitung von Hayek errichtet worden war). In den USA konzipierte die Heritage Foundation die Wirtschaftspolitik von Reagan, ihr langjähriger Präsident Edwin F. Feulner wurde später Präsident der MPS.

… und geht Allianzen mit Klimaleugnern ein

Diese Think Tanks sahen es als ihre Aufgabe an, die Aufgaben des Staates neu zu formulieren und ihre Konzepte in der Öffentlichkeit zu verankern. Der Staat sollte nicht länger traditionellen öffentlichen Zielen (wie der Vollbeschäftigung) verpflichtet sein. Denn Vorhaben dieser Art können nicht Agenda des Staates sein, sondern müssen direkt „dem Markt“ überantwortet werden: Nur „er“ könne diese Ziele – so wurde gesagt – herstellen. Damit wird auch die Forderung nach einer aktiven Klimapolitik fragwürdig. Denn wenn „der Staat“ die Klimakrise tatsächlich lösen oder spürbar mildern könnte, würde er sich ja – so das implizite Argument – als handlungsmächtig gegenüber wirtschaftlichen Interessen erweisen. Aber genau das galt und gilt es im Marktfundamentalismus zu verhindern. Das Primat liegt beim „Markt“ und nicht beim „Staat“. Denn vom „Markt“ und nicht vom „Staat“ geht in der marktfundamentalistischen Ideologie die gesellschaftliche Dynamik aus. Dieses Programm verlangt aber – durchaus im Kontrast zur propagierten Ideologie – ein aktives und dynamisches Agieren für die Politik. Es enthält zwei Prinzipien: Die Politik deklariert sich einerseits als ohnmächtig „dem Markt“ gegenüber und stellt anderseits diese Ohnmacht aktiv her, indem durch „Regulierungen im Namen einer Nichtregulierung“ die eigenen Handlungsmöglichkeiten beschnitten werden (Ein aktuelles Beispiel sind die Schiedsgerichte in Rahmen von CETA und TTIP: sie fungieren als ein neues Regulativ im Namen einer „Deregulierung“, welches die Möglichkeiten zukünftiger Politik verringern kann). Die dezidierte Ablehnung einer aktiven Klimapolitik wurde damit zum Paradefall einer Ablehnung einer eigenständigen Position „dem Markt“ gegenüber.

Um die Öffentlichkeit auf diese „Umweltpolitik“ einzustimmen, wurde bewusst in den Prozess der Produktion gesicherten naturwissenschaftlichen Wissens eingegriffen. Dabei konnte auf die durch die Tabakindustrie gewonnenen Erfahrungen zurückgegriffen werden. Im Unterschied zur Debatte um die Schädlichkeit des Rauchens ab den fünfziger Jahren lag aber bei der Klimafrage bereits ein Konsens innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft vor. Es musste also in größerem Maßstab direkt gegen ein ganzes Wissenschaftsfeld vorgegangen werden. Dazu wurden viele durchaus widersprüchliche Argumente entwickelt:

  1. es gäbe keine Klimaerwärmung,
  2. diese sei natürlich, denn früher habe es auch große Klimaschwankungen gegeben,
  3. die Klimaerwärmung sei gut für die Landwirtschaft,
  4. es gäbe keinen Konsens über die Ursachen der steigenden Temperaturen,
  5. man könne Klima (so wie Wetter) gar nicht vorhersagen,
  6. eine Durchschnittstemperatur für den Planeten sei ein Unfug oder
  7. mathematische Simulationsmodelle könnten keine Aussagen über die Zukunft treffen.

Gleichzeitig wurde eine „Begründung“ für die Ergebnisse der etablierten Klimaforschung geliefert: Hier handle es sich um eine „Verschwörung“ von Menschen, die „dem Staat“ oder fragwürdigen internationalen Organisationen aus Eigeninteresse oder aus ideologischen Gründen einen Einfluss verschaffen wollten, der diesen nicht zustehe. Offensichtlich agieren sie wie „Sozialisten“, die „den Staat“ auf Kosten „des Marktes“ aufblähen wollen. Die marktfundamentale Bewegung kann in dieser Deutung eine offene Allianz mit Wirtschaftsinteressen und mit Klimaleugnern eingehen. In den USA entwickelte sich die Heritage Foundation zu einer der mächtigsten Klimaleugner-Institutionen. 1988 erklärte (hier) der Präsident der MPS Greg Lindsay, Klimaforscher seien nicht integer: Sie hielten an ihren Meinungen nur deshalb fest, damit der staatliche Geldhahn für ihre Forschungen weiter offen bleibe.

Die Interessen der Ölindustrie

Die „Forschung“, der es in den USA gelungen ist, Zweifel an der Klimaerwärmung zu wecken, wird vor allem von der Ölindustrie und von reichen Personen finanziert (viele von ihnen verdanken ihren Reichtum Ölgeschäften). Der US-amerikanische Mineralölkonzern ExxonMobil war seit den späten siebziger Jahren über die Gefahren steigenden CO2 durch fossile Brennstoffe und die Auswirkungen auf das globale Klima informiert. 1981 z.B. ließ der Konzern eine Studie über das riesige Natuna Gasfeld vor der Küste von Indonesien anfertigen. Es besteht zu 70% aus CO2 und galt zu dieser Zeit als die größte einzelne Quelle für das Ansteigen des CO2 in der Atmosphäre (hier). Trotz diesem Wissen investierte ExxonMObil allein von 1998 bis 2004 über 30 Millionen $ in die Klimaleugnungs-Forschung (hier). Eine Liste (hier) aus einer geleakten Datenbank von ExxonMobil umfasst 176 Organisationen, die der Konzern für klimaskeptische Projekte unterstützt hat. Ähnlich wie die Tabakindustrie gelang es der Ölindustrie in exakter Kenntnis der Wirkung ihrer Produkte über Jahrzehnte hinweg, ihren Geschäftsbetrieb ungestört aufrecht zu erhalten. Sie wurden dabei in ihren klimaskeptischen Aktionen von vielen Organisationen unterstützt, die von Konzernen (auch aus der Kohleindustrie) und von Einzelpersonen finanziert wurden. Eine Aufstellung [4] ergibt für die USA für die Jahre 2003 bis 2010 für 91 Organisationen, die von 140 meist politisch konservativen Institutionen finanziert wurden, eine jährliche Summe von über 900 Millionen, – der tatsächlich aufgewandte Beitrag wird vermutlich noch höher sein.

Eine besondere Rolle nehmen in diesem Netzwerk reiche Einzelpersonen ein. Unter ihnen ragen die Gebrüder Charles und David Koch hervor. Sie besitzen Koch Industries, die zweitgrößte Privatfirma der USA. Ihr gemeinsames Vermögen liegt im Bereich dessen, worüber die reichsten Personen der Welt verfügen. Laut Greenpeace (hier) haben sie gut 80 klimaskeptische Organisationen mit fast 90 Mio $ gefördert, darunter das Mercatus Center an der George Mason University, Americans for Prosperity Foundation und einflussreiche markfundamentale Think Tanks wie die Heritage Foundation oder das Cato Institut, das Charles Koch im Jahre 1977 mitgegründet hat.

[1] Jacques, P. J., Dunlap, R. E., & Freeman, M. (2008). The organization of denial: Conservative think tanks and environmental scepticism. Environmental Politics, 17, 349-385.

[2] Dunlap, Riley E., Jacques, Peter J.: Climate Change Denial Books and Conservative Think Tanks: Exploring the Connection, American Behavioral Scientist 57 (2013), Nr. 6, 699-731.

[3] Block, Fred L., Somers, Margaret R.: The Power of Market Fundamentalism. Karl Polanyi’s Critique, Cambridge, Mass. and London: Harvard University Press 2014. S. 104ff

[4] Robert J.: Institutionalizing delay: foundation funding and the creation of U.S. climate change counter-movement organizations, Climate Change, 2013, December, DOI 10.1007/s10584-013-1018-7.

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Das marktfundamentale Denken kann auch deshalb Allianzen mit Klimaleugnern eingehen und den herkömmlichen Prozess der Wissensproduktion durch die scientific community in Frage stellen, weil hier oft ein spezifisches Wissenskonzept vertreten wird.

Die Effizienz „des Marktes“

Dieses Konzept hat mit der Sichtweise „des Marktes“ zu tun. „Ihm“ werden überwiegend positive Aspekte zugeschrieben. In der politischen Dimension gilt „der Markt“ als Hort „der Freiheit“, in der ökonomischen wird für „den Markt“ vor allem Effizienz reklamiert. Das herkömmliche neoklassische Grundmodell (der vollkommenen Konkurrenz) zeigt die Wirtschaft – wenn sie sich im allgemeinen Gleichgewicht befindet – in einem Zustand allokativer Effizienz. Sie wird in Relation zu den Ausgangsdaten des Modells formuliert: das sind bekanntlich (1) die Präferenzen der Haushalte (festgehalten in den Präferenzordnungen), (2) die Techniken der Unternehmen (festgehalten in den Produktionsfunktionen) und (3) die vorgegebenen Bestände an „Produktionsfaktoren“. Dementsprechend wird im Modell dreierlei gesagt:

  1. Die Haushalte würden genau das konsumieren können, was ihren Gesamtnutzen maximiert. Dabei sei die Struktur der Güter, die von den Unternehmen bereitgestellt wird, perfekt an die Nutzenstruktur der Haushalte angepasst. Dieser Gleichklang wird oft als Indiz für eine „Steuerung“ der Wirtschaft durch die Konsumenten interpretiert: in einem voll entwickelten System „des Marktes“ herrscht Konsumentensouveränität: „Die Konsumenten entscheiden […] über die definitive Verwendung der Ressourcen einer Wirtschaft“, heißt es im Lehrbuch von Samuelson und Nordhaus. (Kritisch kann gesagt werden, dass die vielen Einzelwillen der Haushalte unzulässig als kollektiver Konsumentenwille gedeutet werden.)
  2. Analog wird im behaupteten Endzustand der Wirtschaft von jeder Unternehmung aus der Menge aller verfügbaren Produktionstechniken die kostengünstigste eingesetzt: Es gilt das Prinzip der Kostenminimierung.
  3. Drittens werden alle gegebenen Ressourcen (wie Arbeit) voll ausgelastet, es gibt keine ungenützten Ressourcen. Insgesamt zeigt das Modell eine optimale Allokation der Ressourcen. Das zentrale „ökonomische Problem“ ist damit im Modell perfekt gelöst. „Der Markt“ illustriert die optimale ökonomische Ordnung.

Das neoklassische Effizienz-Konzept ist statischer Natur. Es formuliert einen Endzustand, dynamische Anpassungsprozesse hin zu diesem Zustand können nicht adäquat modelliert werden. In den letzten Jahrzehnten hat sich in den Wirtschaftswissenschaften ein anderes Effizienz-Konzept breitgemacht (u.a. auch in der Theorie effizienter Märkte), das im Wesentlichen auf Hayek zurückgeht. Hier wird „der Markt“ nicht statisch, sondern dynamisch interpretiert. Er beinhaltet nicht die Umsetzung des Willens der Konsumenten, sondern die Vermittlung und Koordination des Wissens aller Akteure.

Das Wissen „des Marktes“

Hayek geht (in Hayek 1945) nicht von Präferenzen, sondern von Wissen aus. Wissen ist für ihn prinzipiell subjektiver Natur, es ist als solches anderen nicht direkt zugänglich. Auch die gegebenen Daten der allgemeinen Gleichgewichtstheorie sind weder für die Gesellschaft noch für einen einzelnen (z.B. einen Zentralplaner) bekannt – niemand hat z.B. direkten Zugang zu den Präferenzen anderer. Die vereinzelten Akteure mit ihrem subjektiven Wissen stehen nach Hayek nicht in einem direkten Austauschprozess (z.B. mittels Sprache, diese ist ja intersubjektiver Natur und muss hier ausgeblendet werden), sondern in einem Prozess, der sich auf „den Markt“ bezieht. (Gesellschaft und „Ordnung des Marktes“ sind für Hayek identisch bzw. der Begriff von Gesellschaft wird abgelehnt; 1996, 123). Im Reden von „dem Markt“ verlässt Hayek die subjektive Ebene und redet von objektiven Tatbeständen: „Der Markt“ führt zu objektiv gegebenen Preisen, die „er“ „bekanntgeben“ kann. (Wie diese subjektiv interpretiert werden, diskutiert Hayek nicht. Er setzt subjektives Wissen, das immer auf Verstehen beruht, mit Information gleich: ein folgenschwerer Kategorienirrtum.)

Zugleich wird „der Markt“ prozessoral und wie ein Subjekt beschrieben: „Er“ sucht unaufhörlich nach subjektiven Informationen, die wirtschaftlich verwertbar sind. „Der Markt“ vermittelt den einzelnen permanent Anreize, Informationen bekanntzugeben, die sie vorher nur für sich selbst besessen haben. Er fungiert – in seiner objektiven Rolle – wie eine Maschine: „ein Mechanismus zur Nutzung verstreuter Informationen“ (Hayek 1996, 14) bzw. ein „Telekommunikationssystem“. Dieses System ermöglicht es einzelnen, nur auf die Preise zu achten, um ihr Verhalten anzupassen (Hayek 1948, 86f.). Preise gelten damit als „Signale“, die eine Vielzahl von Informationen über subjektive Tatbestände „enthalten“.

Ein solcher Ansatz wirft viele Fragen auf, auf die hier nicht eingegangen werden kann. Für unser Thema sind zwei von Bedeutung: Was kann angesichts der „Wissensverarbeitungsmaschine des Marktes“ eine einzelne Person wissen? Welche Ansprüche dürfen überhaupt an „den Markt“ gestellt werden? Beide Aspekte sind miteinander verbunden und für den Klima-Diskurs relevant.

Die Übervernunft „des Marktes“

Hayek kontrastiert an vielen Stellen das immense Wissen „des Marktes“ („wahrscheinlich das komplexeste Gebilde im Universum“; 1996, 138) mit dem beschränkten Wissen einzelner Personen – z.B.: „Der Markt“ (bzw. „die erweiterte Ordnung“) bezieht sich „im buchstäblichen Sinn […] auf das, was weit über unser Verständnis, unsere Wünsche und Zielvorstellungen sowie unsere Sinneswahrnehmungen hinausgeht, und auf das, was Wissen enthält und schafft, dass kein einzelnes Gehirn und keine einzelne Organisation besitzen und erfinden kann.“ (Hayek 1996, 76).

Damit mutiert „der Markt“ zu einer Art „Übervernunft“. Konsequent wird er zu einer Befehlsinstanz: seine „unpersönlichen Signale“ „sagen“ uns, wie „wir“ uns „zu verhalten“ haben (Hayek 1979, 24 und 31).

Was bedeutet dieses Konzept für sozialwissenschaftliche Diskurse und für den Kima-Diskurs?

  • Hayek lehnt soziale Ansprüche an „den Markt“ prinzipiell ab. Denn dies würde zu einem Zustand streben lassen, „der ein Widerspruch in sich ist: nämlich danach, die Kontrolle über die Entwicklung, d.h. über den aus Versuchen und Irrtum bestehenden Prozess, zu erlangen und sie seinen eigenen jeweiligen Wünschen entsprechend zu gestalten.“ Dies würde nach Hayek fatale Folgen mit sich bringen, nämlich „den Stillstand der Evolution“ (1996, 78f.). Angesichts „des Marktes“ darf von niemandem ein Anspruch erhoben werden, nicht einmal auf Erhaltung des eigenen Lebens (1996, 163).
  • Wer dennoch soziale Ansprüche an das Wirtschaftssystem stellt, muss nach Hayek dem Kreis der „Sozialisten“ und „Intellektuellen“ zugeordnet werden. Solche Personen überschätzen ihre Intelligenz und glauben „mit Hilfe der Vernunft könnten wir durch noch mehr intelligente Überlegung und noch zweckmäßigere Gestaltung und „rationale Kontrolle“ unserer Vorhaben alles, was an ihnen unerwünscht ist, beseitigen“ (1996, 55).

Der Schutz des Wissens „des Marktes“ durch die Produktion von Nicht-Wissen

Damit wird ein Verdikt für SozialwissenschaftlerInnen ausgesprochen. Sie müssen in ihrer Rolle stets die vorgegeben Grenzen „des Marktes“ beachten. Man könnte sagen, dass sie sich in ihrem Produktionsprozess von Wissen im Einklang mit dem Produktionsprozess von Wissen durch „den Markt“ zu befinden haben: sie dürfen mit ihrem Wissen letzteren nicht in Frage stellen oder stören. Letztlich haben die Sozialwissenschaften nach Hayek jede kritische Reflexion über das Wirtschaftssystem zu unterlassen. Wer den Kapitalismus oder wesentliche Züge des Wirtschaftssystems problematisiert, stellt nach Hayek sein eigenes begrenztes Wissen über das „des Marktes“: Er oder sie begeht eine „verhängnisvolle Anmaßung“ – so der Titel von Hayeks letztem Buch (1996. Woraus Hayek sein Wissen über die ökonomische Ordnung bezieht, verschweigt er aber). Hayek spricht damit sozialbewegten WissenschaftlerInnen schlichtweg die Berechtigung ab, am wissenschaftlichen Diskurs gleichberechtigt teilzunehmen – für andere Personengruppen im gesellschaftlichen Diskurs gilt dies ohnehin: sie sind nicht Teil dessen, was Hayek unter intellektueller „Elite“ versteht (Hayek 1949).

Gleichzeitig müssen die Phänomene, die in einem kritischen Diskurs über das Wirtschaftssystem angesprochen werden, als belanglos oder nicht existent hingestellt werden. In Bezug auf sie müssen Zweifel, Ignoranz und Nichtwissen produziert werden (man kann von Agnatologie sprechen: die Wissenschaft von der Produktion von Ignoranz). Dies bedeutet auch, dass marktfundamentale WissenschaftlerInnen systematisch substantielle Teile der Wirtschaft ausblenden müssen. Beispiele sind: die Bedeutung von Steuer- und Regulierungsoasen für die globalen Finanzströme, die gesellschaftlichen Wirkungen zunehmender Ungleichheit, die Rolle von Schattenbanken (z.B. für die Finanzkrise 2008), die Geldschöpfung durch Geschäftsbanken, die vielen Momente der Prekarisierung von Arbeit, die Problematik der Ökonomisierung vieler Lebensbereiche oder die Saldenprobleme zwischen Ländern, auf die in Makroskop immer wieder aufmerksam gemacht wird.

Im Bezug auf diese Überlegungen kann die marktfundamentale Wissensproduktion nach ihrer Anwendung agnatologischer Praktiken unterschieden werden: gelten sie nur für die Sozialwissenschaften (der Normalfall) oder auch für die Naturwissenschaften (ein Spezialfall)? Im letzten Fall landen wir bei Klimaleugnern, die ihre Ignoranz direkt aus marktfundamentalen Grundüberlegungen ableiten und damit rechtfertigen.

Die Mont Pèlerin Society als Hort der Klimaleugner

Mit diesen Überlegungen überrascht es nicht, in und um die Mont Pèlerin Society (MPS), die Hayek ins Leben gerufen hat, viele Personen zu entdecken, die in unterschiedlichen Facetten den wissenschaftlichen Konsens in Bezug auf die Klimaerwärmung in Frage stellen. Tatsächlich kann die MPS als zentraler Knoten im globalen Netzwerk der Klimaleugner verstanden werden.

Viele Think Tanks (siehe hier), die klimaleugnend agieren, sind aus der MPS gegründet worden oder standen oder stehen mit ihr in engem Zusammenhang. Eine besondere Rolle in dieser Geschichte hat dabei der Unternehmer Anthony Fisher gespielt. Fisher hat 1955 in London unter direkter Anleitung von Hayek das Institute for Economic Affairs errichtet und war u.a. auch beteiligt, das Fraser Institute in Vancouver zu errichten, ebenso das International Center of Economic Policy Studies in New York, das Pacific Institute for Public Policy in San Francisco und das Center of Independent Studies in Australien. Anfang der achtziger Jahre gründete er die Atlas Economic Research Foundation (hier), einen Think-Tank zur Gründung von Think-Tanks. Diese Organisation koordiniert die Kommunikation zwischen ungefähr zweihundert Think-Tanks weltweit und hat rund hundert bei ihrem Aufbau unterstützt. Die Atlas Foundation gilt heute als globaler Knoten der Klimaleugner (siehe hier). Bekannte klimaleugnende (und marktfundamentale) Think Tanks sind auch das Australian APEC Study Centre, das Competitive Enterprise Institute (USA), das George C. Marshall Institute (USA), das Heartland Institute (USA), die International Climate Science Coalition (NZ) oder das frühere International Policy Network (UK). Die Civil Society Coalition on Climate Change (CSCCC) umfasst 60 Organisationen in gut 40 Ländern. Sie versteht sich als Gegenspieler zum Weltklimarat und ist Teil der Atlas-Gruppe. In Australien sind u.a. die Lavoisier Group, das Brisbane Institute, das Institute of Public Affairs und das schon erwähnte Centre for Independent Studies aktiv, der Begründer des letzteren war auch Präsident der MPS.

Diese Institute sind untereinander gut vernetzt und unterstützen sich gegenseitig (Überblicke über gut 100 klimaleugnende Organisationen finden sich hier und hier). Viele Gruppen von Klimaleugnern wurden und werden von den Gebrüdern Koch finanziert – Charles Koch ist seit 1970 Mitglied der MPS. Klimaleugner hatten auch – abseits der USA – direkten Einfluss auf die Politik. Vaclav Klaus (1992 bis 1998 Ministerpräsident und 2003 bis 2013 Staatspräsident in Tschechien) bezeichnete in einer Rede (hier) auf der Jahrestagung der MPS 2008 die etablierte Klimaforschung als „abuse of science by a non-liberal, extremely authoritarian, freedom and prosperity despising (and destroying) ideology“. In Kanada wurden unter den Regierungen Stephen Harper (2006 bis 2015 Premierminister) Klimaleugner gefördert. Man hat auch versucht, den Informationsfluss von Klimaforschern an die Öffentlichkeit zu unterbinden (hier). 2012 ist Kanada vom Kyoto-Protokoll zurückgetreten.

Ein Überblick (hier) über Klimaskeptiker in Deutschland vom Jahre 2013 nennt vor allem das Europäische Institut für Klima und Energie in Jena, das in Kontakt mit den genannten internationalen Netzwerken steht. Der Bericht nennt auch Politiker aus CDU und FDP und behauptet, klimaskeptische Netzwerke würden sich in Deutschland ausbreiten. Eine solche Entwicklung wird auch durch den Aufstieg rechtspopulistischer Parteien gefördert. Nach einem Bericht der taz (hier) gehörten 2013 von den 15 Mitgliedern des „Bundesfachausschusses Energiepolitik“ mindestens zwölf eindeutig zum Lager der Klimaskeptiker. Ähnliche Töne sind auch aus der Freiheitlichen Partei Österreichs zu hören.

Die Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland und in Österreich besitzt ein hohes Umweltbewusstsein, Klimaleugnung ist nicht populär. Dies gilt auch für die meisten der ÖkonomInnen, die in Deutschland in marktfundamentalen Think Tanks arbeiten (Überblicke zu wichtigen aktuellen Netzwerke finden sich in dieser Studie hier – diese stammt aus einem Projekt, an dem ich mitgewirkt habe). Dezidiert klimaskeptische Äußerungen sind aus der Friedrich Naumann Stiftung bekannt (z.B. eine Konferenz aus 2010 hier). Diese Stiftung kooperiert mit der Atlas Foundation und ist gleichzeitig in das Netzwerk der marktfundamentalen Think Tanks in Deutschland eingebunden. Dass in diesen Kreisen die Friedrich Naumann Stiftung unbehelligt agieren kann und dass von hier (nach meinem Wissen) keine Stellungnahmen zum Unsinn der Klimaleugnung zu hören sind, ist erstaunlich und besorgniserregend. Denn das marktfundamentale Denken und ihre Netzwerke sind im deutschen Diskurs machtvoll. Wenn aus diesem Denkkollektiv aber etablierte Ergebnisse der Naturwissenschaften in Frage gestellt werden können – ohne dass andere Widerspruch erheben: was bedeutet das für die wissenschaftlichen Suche nach gesicherten Erkenntnissen? Was für die Zukunft der Universität? Muss auch sie sich vollends „dem Markt“ ergeben?

Erwähnte Werke von Hayek

  • 1945: Use of Knowledge in Society, American Economic Review, 35/4, 519-530
  • 1948: Individualism and Economic Order, New York and London
  • 1949: The Intellectuals and Socialism, The University of Chicago Law Review, 417-433
  • 1969: Der Wettbewerb als Entdeckungsverfahren, in Hayek: Freiburger Studien, Tübingen, 249-265
  • 1979: Die drei Quellen der menschlichen Werte. Tübingen
  • 1996: Die verhängnisvolle Anmaßung: Die Irrtümer des Sozialismus, Tübingen

Die Geschichte der Klimaleugner ist nachzulesen in: Naomi Oreskes und Erik Conway: Die Machiavellis der Wissenschaft: Das Netzwerk des Leugnens, Wiley 2014

Literaturüberblick zu englischen Büchern und Videos hier.