Kategorien-Wandel und Entstehung des Kapitalismus

Video zum  Vortrag am  12.1.2015 „Die Entstehung des Kapitalismus im Übergang zur Neuzeit“ (ab Minute 14)

(Im Rahmen der Reihe Tiefenbohrungen: Wirtschaft anders denken  an der Wirtschaftsuniversität Wien

Die Wirtschaftstheorie hat ein schwer wiegendes Manko. Sie verfügt über keine adäquate Metatheorie, welche die Praxis der Wirtschaft angemessen reflektieren könnte. Dies hat auch damit zu tun, dass die Kategorien der (gängigen) Wirtschaftstheorien von diesen als selbstverständlich vorausgesetzt, aber nicht als (nicht begründbare) „Setzung“ verstanden werden. Ein Beispiel ist die Figur des „Homo Oeconomicus“. Er wird  in Wirtschaftstheorien schlichtweg vorausgesetzt. Die Theorien positionieren sich selbst damit innerhalb eines Denkrahmens, d.h. sie untersuchen, wie der „Homo Oeconomicus“ in verschiedenen Konstellationen agiert. Was aber nicht untersucht wird: unter welchen Bedingungen ist dieser Rahmen zutreffend, wo nicht, wie erfolgen Übergänge, wie eine Integration?, etc. Damit bleibt z.B. unverstanden, wie Investoren bei einer Panik auf Börsen reagieren und man reflektiert dem entsprechend nicht systematisch, welche Regulative es geben müsste, damit eine Panik (mit oft schädlichen Wirkungen auf die ganze Wirtschaft) gar nicht auftreten kann.

Damit gilt auch: Theorien der  „Mainstream-Ökonomie“ setzen die von der Theorie verwendeten Kategorien für die wirtschaftliche Praxis ungeprüft voraus. Man glaubt an die Gültigkeit ihrer Existenz im Alltag. Die Theorien postulieren zeitlos gültige „Gesetze“ (meistens „Gesetze des Marktes“), sind aber nicht imstande, die historische Bedingtheit ihres eigenen Denkens zu erkennen (und darüber nachzudenken).

Kulturwissenschaftliche Ansätze gehen demgegenüber von einem „historischen Imperativ“ aus. In einer Kulturgeschichte ist die Variabilität aller Denk- und Praxis-Kategorien (über die Jahrhunderte hinweg) eine fest stehende Tatsache. Jeder Begriff, auch ein wissenschaftlicher Begriff, hat seine Geschichte. Jede Wissenschaft (die über einen systematischen Metarahmen verfügt) sollte demgemäß versuchen, die wichtigen Begriffe ihres Feldes in ihrem geschichtlichen Werden zu verstehen.

Dieser Gedanke liegt meinen Vorlesungen zur „Kulturgeschichte des Denkens über die Wirtschaft“ zugrunde (Videos dazu)

Im Vortrag „Die Entstehung des Kapitalismus im Übergang zur Neuzeit“ gebe ich einen knappen Überblick über den Wandel von Grundkategorien ab dem Mittelalter.

Vier Thesen

  1. Der Kapitalismus (in einer kulturellen Durchdingung) braucht das heute (naiv realistische) Alltags-Verständnis einer „objektiven“ „Außen-Welt“.

Es enthält u.a.:

  • Ein Konzept des (materiellen) Objekts (mit eindeutigen und messbaren Attributen9
  • Ein Konzept des (individuellen) Subjekts
  • Ein Konzept des Raumes (als homogener und isotroper Mess-Raum)
  • Ein Konzept der (linearen) Zeit
  • Ein Konzept von Naturgesetzen

Im Vortrag mache ich kurze Bemerkungen dazu, dass diese fünf Kategorien im hohen Mittelalter gänzlich anders verstanden wurden.

  1. Die Entstehungsgeschichte des Kapitalismus (lebenswirklich und in seiner theoretischen Reflexion) läuft parallel zur Entstehungsgeschichte der oben genannten Konzepte der „Außen-Welt“ (lebenswirklich und in ihrer theoretischen Reflexion)   (im Kern: 14.-16.Jahrhundert)
  1. Der Endpunkt dieser Entwicklung bildet das mechanistische Welt-Bild (mit Descartes als wichtigstem Vertreter). Descartes wird als Endprodukt einer Entwicklung gedeutet, in dem die oben ganannten Kategorien bereit in hohem Masse im Alltag (als Selbstverständlichkeiten) verfügbar waren.
  2. Seit dem 17. Jahrhundert formieren sich Ansätze in der Wirtschaftstheorie, die vereinfacht als „Sozialphysik der Ökonomie“ verstanden werden können. Sie sind zugleich performativer Art, d.h. ihre Konzepte formen zugleich Arten des Wirtschaftens mit. (Damit wird aber kein „idealistischer“ Anspruch erhoben. Die Umgestaltungsprozesse der Wirtschaft und des Staates, auch in ihrer Macht-Wirklichkeit) geschehen parallel zum Wandel von Denk-Kategorien: keines ist die „Ursache“ des anderen.)

In einer „Sozialphysik“ wird die Theorie über die Wirtschaft als (metaphernhafte) Anwendunge einer zeitgemäßen Variante des mechanistischen Welt-Bildes konzipiert.

In der Geschichte des Denkens über die Wirtschaft gibt es (in ihrem Hauptstrang) u.a. folgende 7 Beispiele:

  1. Das Raum-Konzept in der Politischen Ökonomie (Montchretien 1615), die früher getrennten Bereiche der pólis und des oíkos werden in einem Begriff vereinigt.
  2. Die Descartsche Mechanik im Tableau Économique (Quesnay 1758)
  3. Die Newtonsche Mechanik in der invisible hand (Smith 1776)
  4. Die Newtonsche Mechanik im Bevölkerungsgesetz (Malthus 1798, ähnlich bei Ricardo 1815)
  5. Die Kraft-Analogie im Grenznutzengesetz der ursprünglichen Neoklasssik (Jevons 1871, Walras 1871ff.)
  6. Die Computer-Analogie in der neuen (topologischen) Neoklassik (Debreu 1959)
  7. Die Telecom-Analogie in der erweiterten Ordnung (Hayek 1974, 1979), wissens- und/oder evolutionstheoretisch erklärt.

Im heutigen Neoliberalismus sind die beiden letzten Varianten verbreitet. Eine Gemeinsamkeit ist dabei die Verwendung eines Grund-Konzeptes „des Marktes“ (dem „wir“ uns zu unterwerfen hätten.) Diese Denkfigur prägt als Selbstverständlichkeit heutige Diskurse, z.B. über die Staatsschuldenkrise und über die Wege, sie zu überwinden. Um die heutige Wirtschaft zu verstehen, brauchen wir eine Metatheorie, die das Konzept „des Marktes“ (auch als historisches Konzept) verständlich macht.