Donald Trump: Zur Vereidigung als Präsident eine inhaltslose Wahlrede

Ein erster Eindruck zur Inaugurationsrede von Donald Trump am 20.1.2017

Ein erster Eindruck zur Inaugurationsrede von Donald Trump am 20.1.2017 (aktualisierte 2. Version)

Donalds Trump nach seinem Eid zum Präsidenten der USA war außergewöhnlich kurz, nur 16 Minuten. Inhaltlich klang sie nicht anders als eine Wahlkampfrede. Trump wiederholte sein schlichtes Weltbild, das ihn als Demagogen auszeichnet: „Das Volk“ wurde bislang geknechtet vom „Establishment“, mit direktem Angriff auf die anwesenden Politiker:

Die heutige Zeremonie, jedoch, hat eine ganz besondere Bedeutung. Denn heute übergeben wir die Macht nicht nur von einer Regierung an die andere oder von einer Partei an die andere, sondern wir nehmen die Macht von Washington D.C. und geben sie an euch, das Volk, zurück. Zu lange hat eine kleine Gruppe in der Hauptstadt unseres Landes von der Regierung profitiert, und das Volk hat die Kosten getragen. Washington blühte, aber das Volk hat nichts von dem Reichtum gehabt. Politikern ging es gut, aber die Arbeitsplätze wanderten ab und die Fabriken schlossen. Das Establishment schützte sich selbst, aber nicht die Bürger unseres Landes. Ihre Siege waren nicht eure Siege, ihre Triumphe waren nicht eure Triumphe. Und während sie in der Hauptstadt unseres Landes feierten, gab es für Familien am Existenzminimum in unserem ganzen Land wenig zu feiern.“

Und als Demagoge hat er Verheißungen zu verkünden. Sie kommen heute. Denn mit diesem Tag wird alles in den USA anders werden:

„All das ändert sich hier und jetzt. Denn dieser Augenblick ist euer Augenblick. Er gehört euch. Er gehört allen, die heute hier versammelt sind, und allen, die in ganz Amerika zuschauen. Dies ist euer Tag, dies ist eure Feier, und dies, die Vereinigten Staaten von Amerika, ist euer Land. Worauf es wirklich ankommt, ist nicht, welche Partei unsere Regierung führt, sondern ob unsere Regierung vom Volk geführt wird. Der 20. Januar 2017 wird als der Tag in der Erinnerung bleiben, an dem das Volk wieder zu den Herrschern dieser Nation wurde. Die vergessenen Männer und Frauen unseres Landes werden nicht mehr vergessen sein.“

Als Kontrast wird ein düsteres Bild des Schreckens für die USA gezeichnet:

„Mütter und Kinder, die in unseren innerstädtischen Problemvierteln in Armut gefangen sind; verrostete Fabriken, die wie Grabsteine über die Landschaft unserer Nation verstreut liegen; ein Bildungssystem, das genug Geld hat, das aber unsere jungen und schönen Schüler jeglichen Wissens beraubt; und das Verbrechen und die Banden und die Drogen, die zu viele Leben gestohlen und unserem Land so viel unerfülltes Potenzial genommen haben. Dieses Massaker [carnage] Amerikas endet hier und jetzt.“

Trump widmet viel Zeit  seiner kurzen Rede den „Feinden“: er zeigt, dass Demagogen ihre Energie aus dem Dagegen erhalten und über keine positive Vision verfügen. Trumps Hauptkampf geht gegen „die ausländischen Industrien“, überhaupt das Ausland:

„Viele Jahrzehnte lang haben wir ausländische Industrien auf Kosten der amerikanischen Industrie reicher gemacht; die Armeen anderer Länder finanziell unterstützt, während wir unsere eigene Armee ausgehungert haben. Wir haben die Grenzen anderer Länder verteidigt, aber uns geweigert, unsere eigene zu verteidigen. Wir haben Billionen und Aberbillionen von Dollar im Ausland ausgegeben, während die amerikanische Infrastruktur zerfallen ist. Wir haben andere Länder bereichert, während sich der Reichtum, die Stärke und das Selbstbewusstsein unseres eigenen Landes sich über dem Horizont aufgelöst hat. Eine Fabrik nach der anderen schloss und verließ das Land, ohne auch nur einen Gedanken an die Millionen und Abermillionen amerikanischer Arbeiter zu verschwenden, die zurückgelassen wurden. Der Reichtum unsere Mittelklasse ist von ihr gerissen und in der ganzen Welt verteilt worden.“

Dann wird eine „Vision“ beschworen, die fast keine Inhalte hat, sondern nur die alten Slogans wiederholt: Es geht nur um Amerika (America first).

„Wir müssen unsere Grenzen vor der Verwüstung schützen, die andere Länder anrichten, die unsere Produkte herstellen, unsere Unternehmen stehlen und unsere Arbeitsplätze zerstören.“

Angekündigt werden Investitionen in die Infrastruktur, und:

Wir werden unsere Leute aus der Sozialhilfe holen und wieder zur Arbeit bringen, unsere Nation mit amerikanischen Händen und amerikanischer Arbeit wieder aufbauen. Wir werden zwei einfachen Regeln folgen – amerikanisch kaufen und Amerikaner einstellen.

Trump will auch

„die zivilisierte Welt gegen radikal-islamischen Terrorismus vereinen, den wir vom Erdboden auslöschen werden.“

Trump geht es in persönlichen Beziehungen, so seine Biographien, um Loyalität: Illoyalität wird mit Rache belegt. Ähnlich spricht er für das Land an:

Die Grundlage unserer Politik wird eine absolute Loyalität zu den Vereinigten Staaten von Amerika sein, und durch unsere Loyalität zu unserem Land werden wir die Loyalität zueinander wiederentdecken. Wenn ihr euer Herz dem Patriotismus öffnet, dann gibt es keinen Platz für Vorurteile.

Und überhaupt. „Ich werde Euch niemals im Stich lassen“: der autoritäre Führer in Union mit seinem „Volk“. Trump ist laut und will Stimmung machen, doch es kommt im Publikum keine große Begeisterung auf: eine seltsam fahle Atmosphäre vor einer nicht allzu großen Menge. Nach den Kriterien eines Entertainers und Showmaster, der Trump ist, hat er in dieser Kulisse versagt.

Die einzigen Gruppen, die in der Rede gelobt werden, sind Militär und Polizei, andere Teile „des Volkes“ sind keiner Erwähnung wert: der neue autoritäre Kapitalismus lässt grüßen. Gedroht wird den larmoyanten Politikern, die alles schlecht reden.

Am Schluss:

„Es ist Zeit, sich an die alte Weisheit zu erinnern, die unsere Soldaten niemals vergessen werden – dass, egal ob wir schwarz, oder braun oder weiß sind, in unseren Adern dasselbe, rote Blut von Patrioten fließt. Wir alle genießen dieselben glorreichen Freiheiten und wir alle salutieren der gleichen, großartigen amerikanischen Flagge.“

Das Ende kommt dann abrupt, „Gott segne Amerika“, keine erkennbare Schlusspointe.

Wäre es nicht so traurig, könnte man die Rede für eine Parodie halten. Aber Trump ist keine Parodie. Er liefert ohne Scham eine ungemein schlechte Performance in einer einmaligen Situation. Warum? Will er allen eindrücklich demonstrieren, dass er keinen Plan, kein Konzept, keine Handlungsanweisungen vorzuweisen hat? Trump darf mit aller Berechtigung als dumm genannt werden, die Biographie von David Cay Johnston ist diesbezüglich deutlich genug. Als wenig informierter Mensch, der sich permanent selbstüberschätzt, verpasst er die Gelegenheit, sich eine kluge Rede schreiben zu lassen und so die Kritiker zu beschämen. Aber es scheint, als ob Trump alles Wichtige selbst machen müsste. Er muss frei reden (er gibt Berichte, dass er die Rede geübt hat) und eine vorformulierte Rede müsste er ablesen. In freier Rede kann er selbst in diesem historischen Moment nichts anders als das, was er immer im Wahlkampf getan hat.

Die Rede hinterlässt viele Rätsel: Für wen war sie gedacht? Warum gibt es kein Angebot für einen Brückenschlag in einem gespaltenen Land? Warum sind hier keine neue Informationen erhalten? Hat er wirklich nichts zu sagen? Hat eine Rede zur Angelobung zum Präsidenten des mächtigsten Landes der Welt weniger Inhalt als ein Twitter von ihm oder das grimmige Interview in der Bild-Zeitung?

Link zum Original der Rede in der Washington Post