Die Kampf-Rhetorik von Norbert Hofer und NLP. Versuch einer Richtigstellung

In den Medien werden in diesem Wahlkampf in erstaunlichem Ausmaß die Art der rhetorischen Muster thematisiert, die in den TV-Debatten zu sehen sind, speziell die Manöver von Norbert Hofer. Ein solcher Vorgang ist zu begrüßen, weil damit eine Reflexion über Manipulation und Tricks in Gang kommen kann, die es geschulten Personen erlaubt auf billige Art einen Vorteil in Debatten zu erlangen.

Dabei wird immer wieder auf NLP hingewiesen. Der Tenor ist: das, was Norbert Hofer hier inzeniert, sei angewandtes NLP.

(Wenn Ihnen der Ausdruck NLP nichts sagt: hier gibt es Grundinformationen:

  • Auf www.nlp.at: ich betreibe diesen Server.
  • Ich beschäftige mich seit Jahrzehnten intensiv mt NLP und habe ein Wörterbuch des NLP verfasst, das Online zu lesen ist,- aus Zeitgründen und auch aufgrund einer Spamming-Attacke leider in einem altmodischen und optisch nicht ansprechendem Aussehen).
  • Ernsthafte Analysen und viele Videos zu NLP- und verwandten Themen finden Sie im „International Laboratory of Mental Space Research„, das ich mit Wolfgang Walker und Lucas Derks betreibe.

(Ein kurzes Wort zu meiner Einstellung zu NLP. Ich predige und verteidige NLP nicht. NLP wird oft und in vielen Fällen zu Recht kritisiert. Wenn gesagt wird, dass NLP keine wissenschaftlich anerkannter Ansatz ist, dann stimme ich dem (weitgehend) zu. Ich bin Wissenschaftler und habe einen Standpunkt, was wissenschaftliches Denken ausmacht. Ich habe mich auch öffentlich (damals im TV) dagegen ausgesprochen, dass NLP in Österreich eine anerkannte Therapiemethode geworden ist. Ich spreche mich auch gegen viele Verschwurbelungen von NLP mit esoterischen Ansätzen aus, usw.

Was ich an NLP  schätze, warum ich das so interessant finde und was ich an NLP kritisiere, ist freilich ein langes Thema. Es hat mit der Geschichte des Feldes zu tun, das von zwei sehr unterschiedlichen Personen gegründet worden ist und viele widersprüchliche Pole aufweist.

Mein Verständnis von NLP, das ich tausenden Personen vermittelt habe: NLP als Mittel zur Selbststeuerung zu verwenden. Dazu kann man mit NLP-Methoden viel lernen. Ich praktiziere bestimmte NLP-Verfahren jeden Tag und bereichere damit mein Leben.)

Zurück zum Thema: Dass die FPÖ NLP verwendet, wird in den österreichischen Medien seit dem Jahr 2000 kolportiert.

Diese Aussage ist  falsch, bzw. ungenau und verkürzt. Nachdem ich mich in „Haider Light“ auch intensiv mit der Kommunikation der FPÖ beschäftigt habe, fühle ich mich kompetent, hier eine Richtigstellung zu versuchen.

Es geht für mich dabei um zwei Bereiche: erstens die Techniken des NLP, zweitens, was die FPÖ (und Norbert Hofer) auf exzellente Weise unternimmt. Letzteres kann als Kampf-Rhetorik beschrieben werden, es ist ein Teil von demagogischer Kommunikation. (Demagogie wird in ‚Haider Light‘ exakt definiert.)

Demagogische Kommunikation hat mit NLP per se nichts zu tun. NLP ist eine Sammlung unterschiedlicher (gut 30) Methoden, mit Bezug auf viele und einander widersprechende psychologische und therapeutische Ansätze. Man kann inhaltlich nicht sagen, was „das“ NLP aumacht. Hier finden sich von „NLPlern“ ganz unterschiedliche Standunkte. NLP stammt von der humanistischen Psychologie ab, mit sehr menschenfreundlichen Hintergründen. NLP in der ersten Runde (in den siebziger Jahren) wurde als Kurzzeittherapie verstanden. Es ging um wirksame Verfahren und Interventionen, in kurzer Zeit sollten Wirkungen erreicht werden. (In den USA war das für arme Menschen gedacht, die sich keine kostspielige und lange Psychoanalyse leisten konnten.)

Demagogische Kommunikation ist Kommunikation, die mit therapeutischen Zielen nichts gemein hat. Hier wir ein eigenartiges (und erfundenes) Welt-Bild transportiert: eine Gesellschaft, die nur aus zwei Teilen besteht, in dem dem „WIR“ von „DENEN“ (z.B. „das System“, „die Diktatur in Brüssel“, „Die Gutmenschen“, „die Hautevolee“, …) bedroht sind. DIE kümmern sich nicht um „UNS“. „UNS“ geht es schlecht oder zunehmender schlechter. „WIR“ haben eine riesige Wut. (Eine gute Erklärung über diese weltweite Welle findet sich aktuell im englischen Guardian). Demagogische Kommunikation will immer und auschließlich DIE diskreditieren: das sind amoralische Menschen, die lügen („Sie haben den Wahlkampf mit einer Lüge gestartet“), die immer zu DENEN gehören (Van der Bellen als „Freimaurer“), die auf DIE verächtlich herabschauen („Österreich ist Scheiße“), die kein Herz für DIE haben („Befehlsempfänger aus Brüssel“) und die überhaupt zur Gänze inkompetent sind („Sie haben niemals in der Wirtschaft gearbeitet“, Sie „reden“ nur über die Wirtschaft – und das zu einem angesehenen Universitätsprofessor der Volkswirtschaftlehre.) An „DENEN“ ist nichts wertvoll. Die vielen Muster der Kampf-Rhetorik dienen  dazu dieses Welt-Bild zu transportieren: „DIE“ herunterzumachen, sich selbst moralisch zu erhöhen, den „Helden“ zu spielen (die Unfallsgeschichte) oder sich als Opfer von „DENEN“ anzusprechen (In den meisten TV-Debatte spielte Hofer mehrmals die Opfer-Rolle, mit teilweise erfundenen Behauptungen.)

Was hat das nun mit NLP zu tun?

Erstens.

Man kann sich für demagogische Zwecke einzelne Bausteine des NLP herausnehmen, sie vom helfenden Kontext lösen und  für Kampf-Rhetorik nützen. Beispiele finden Sie in Stichworten des oben genannten Lexikon des NLP, wie Muster von suggestiver Sprache (im NLP heißt das Milton-Modell, nach Milton Erickson), schnelles Umdeuten (Reframing und Punsh-Reframing) oder „Ankern“.

In NLP lernt man auch viele Techniken und Haltungen, die für Kampf-Rhetorik einsetzbar sind. Man lernt z.B. genau hinzusehen und ganz kleine Details bewusst wahrzunehmen, z.B. kurze Flashes mit den Augen. Diese transportieren wichtige Informationen, die dem Sender in der Regel nicht bewusst sind. Ein Therapeut „sieht“ hier innere Prozesse beim Klienten (und kann sie gezielt ansprechen). Ein Kampf-Rhetoriker „sieht“ hier Schwächen beim Gegenüber und kannn das ansprechen, um diese Person zu irritieren. (Hofer z.B. hat ein hohes Mass an Bewusstheit, was seine eigene und die Körper-Sprache des „Gegners“ angeht und setzt das zielgerecht ein, – jedesmal zum Vorteil für ihn.)

NLP vermittelt auch ein gelebtes Wissen über die enorme Wirkungen von bunten  Bildern und von Geschichten, die mit sinnlichen Details ausgeschmückt sind. (Ein Akademiker wie Van der Bellen redet wenig in bildhafter Sprache. Hofer erzählt rührende Stories von seinem Unfall, usw.) (Um nicht missverstanden zu werden: auf der Ebene der Person besitzt Hofer hier mein Mitleid für seinen Schicksalschlag. Ich bewundere ihn, wie er das überwunden hat. Aber wir reden hier über öffentliche Inszenierungen und wie er das macht. Van der Bellen als Mann im gesetzten Alter hat sicher auch seine Schicksalschläge erlitten, aber er redet nicht darüber und inszeniert sich nicht als „Held“.)

Zweitens.

Wer NLP-geschult ist, kann Kommunikation  vielschichtig beschreiben. In NLP generell bricht man Kommunikation, die ja immer – in alltäglichsten Details – sehr komplex ist, in kleine und kleinste Einheiten herunter, macht diese bewusst und bietet dazu eine eigene Sprache an. Man kann dann diese Kleinigkeiten intensiv üben, wie exakte Körperkontrolle bis in kleinste Details, schnelles (automatisiertes) verbales Kontern, witzigen Umgang mit Killer-Phrasen oder die laufende Prozess-Beobachtung des Geschehens (Hofer kann all das perfekt). Wenn man das lange übt, läuft das automatisert ab – und Personen, die keine „Naturtalente“ waren, erzielen gute Wirkungen, – vor allem im Vergleich zu anderen, die das weder wissen noch geübt haben.

Schlussbemerkung

Es ist gut und wichtig sich mit Kommunikationsmustern von Demagogie zu beschäftigen.

Viel wichtiger  ist es aber, die politischen (und ökonomischen) Prozesse zu verstehen, aus denen diese große Wut vieler Menschen entstanden ist. Dazu braucht es Abstand (auch von Positionen einzelner Parteien) und den Versuch ein Gesamtbild der Gesellschaft in Augenschein zu nehmen und Klarheit zu gewinnen, was sich in den letzten ein, zwei Jahrzehnten verändert hat.

Die Aufgabe, die vor uns liegt:

Die Gefühlslagen der Wütenden aufzugreifen und ihnen Verständnis entgegenzubringen. Ihre Wünsche in demokratieverträgliche Ziele und Zukunfts-Bilder zu übersetzen, daraus ein politisches Programm entwickeln und dazu bestehende Parteien und Institutionen unterstützen oder neue zu gründen. Wenn es attraktive politische Bewegungen gibt, die die großen Fragen der Zukunft (ökologische Krise, soziale Krise, Verschlechterung der Arbeitsbedingungen, der Reichtum der 1% oder der Skandal der Steueroasen) glaubhaft thematisieren,  hier Abhilfe versprechen und schrittweise Lösungen verwirklichen: dann wird diese rechtspopulistische Welle abflachen und später kann man sich  vielleicht wundern, wie es möglich gewesen ist, dass derart viele Menschen eine derart substanzlose Politik attraktiv gefunden haben.

Für einen solchen Prozess ist endlich viel zu tun. Jeder und jede kann dazu einen Beitrag leisten – unabhängig davon, wer in Österreich Bundespräsident ist.